Die Begriffe Asaglauben (Ásatrú) und Firne Sitte (Forn Siðr

von Gunnar Creutz erstmals erschienen in Mimirs Källa, der Vereinszeitschrift von Samfundet Forn Sed Sverige
aus dem Schwedischen übersetzt und durch Fußnoten ergänzt von A. Zautner

Bezeichnest du dich selbst als einen Asagläubigen (Ásatrúar) oder als einen Firnsittler? Oder vielleicht nennst Du dich ganz anders? Gunnar Creutz schaut genauer auf diese Begriffe und ihren Ursprung...

Die Frage ob wir unsere Religion Ásatrú (Asaglauben) oder Firne Sitte nennen war lange ein Diskussionsthema, und in Verbindung damit haben wir auch über den Namen unseres Vereins debattiert. In Übereinstimmung mit dem, was Mikael Perman auf dem Jahresding [von Samfundet Forn Sed Sverige] im Frühjahr 2009 berichtete, sah man, als der Verein vor 15 Jahren gegründet wurde, keine großen Bedeutungsunterschiede zwischen den Begriffen Ásatrú und Firne Sitte. Das führte dazu, daß man sich dafür entschied den Verein Schwedens Asaglaubensgemeinschaft (Sveriges Asatrosamfund) zu nennen, da Asaglauben (Ásatrú) der bekanntere Begriff war. Heute haben beide Begriffe teilweise unterschiedliche Bedeutungen erhalten, vor allem fasst man, im Gegensatz zu Ásatrú, Firne Sitte als einen weiter gefassten Begriff auf. Darum gibt es heute viele im Verein, die lieber von Firner Sitte sprechen und darum einen neuen Vereinsnamen wollen, in dem der Begriff Firne Sitte enthalten ist.

Ungleiche Namenswahl
Als die Herde (Regionalgruppen) des Vereins aufgrund einer Vorstandskrise zum Frühlingsbeginn 2004, ein eigenes Netzwerk gründeten, wählten sie den Namen Nätverket Forn Sed (Netzwerk der Firnen Sitte). Die Namensdiskussion hat sich sogar in unseren Nachbargemeinschaften fortgesetzt. Auf Island bezeichnet die isländische Religionsgemeinschaft Ásatrúarfélagið (Isländisch für Asaglaubensgemeinschaft) ihre Religion abwechselnd entweder als Ásatrú (isländisch für Asaglauben) oder Vór Siður (Isländisch für Unsere Sitte). In Dänemark heißt die größte Asaglaubensgemeinschaft Forn Siðr (Altnordisch für Firne Sitte) und in Norwegen gibt es Foreningen Forn Sed (Verein der Firnen Sitte).
Bei unseren Diskussion im kleineren Kreis wurden Namen wie Samfundet Forn Sed (Gemeinschaft der Firnen Sitte) und Yggdrasil - Samfundet för asatro och Forn Sed (Yggdrasil - Die Gemeinschaft für Asaglauben und Firne Sitte) vorgeschlagen. Der neue Name, den das Jahresding jedoch ablehnte, war Yggdrasil - Samfundet för Forn Sed (Yggdrasil - Gemeinschaft für Firne Sitte)

Der Wörter Ursprung
Den Terminus Asatro wurde im 19. Jahrhundert erfunden. Man muß es dem Dänen N.F.S. Grundtvig² zugestehen das Wort Asatro lanciert zu haben. Dieses Wort wurde dann zu Åsatru im Norwegischen (Nynorsk) und zu Ásatrú im Isländischen. Das Wort bedeutet schlicht und einfach Glaube an die Æsir (Asen/Ensen).

Bild 1. Nikolai Frederik Severin Grundtvig , der Theologe (1843),
Der Mann der Asatro erschuf

Dem Wörterbuch der Schwedischen Akademie (Svenska Akademiens Ordbok) zufolge, wurde das Wort Asatro erstmalig 1820 von C.G. Leopold³ im Schwedischen verwendet. Auch andere ähnliche Ausdrücke sind zu Beginn des 19. Jahrhunderts aufgekommen. Der dänische Dichter und Pastor Nikolai Frederik Severin Grundtvig benutzte bereits 1807 das Wort Asalæren (Die Asalehre) in seiner Abhandlung Om asalæren (über die Asalehre). Wörter wie Asareligion, Asenkult oder Asen(-gottes-) dienst (asadyrkan) tauchten im Schwedischen erstmalig in den Jahren zwischen 1850 und 1860 auf.
Asatro wurde im 20. Jahrhundert die übliche Bezeichnung für die vorchristliche nordische Religion sowie für ihre modernen Spielarten. Der Begriff hat jedoch eine starke Prägung durch den Geist der Nationalromantik und seiner Sicht auf die Überlieferungen der älteren und jüngeren Edda erfahren. Ein Geist, der mit der Betonung eines kriegerischen Ideals etwas befremdlich auf uns wirken kann. In seiner Abhandlung Modern Asatru (2008) schreibt Frederik Gregorius auf Seite 22, daß der Begriff Asatro der etablierte wissenschaftlich Überbegriff für moderne heidnische Bewegungen ist, deren Glauben auf der vorskandinavischen [sic] Religion basiert.

Der Begriff Firne Sitte kommt beispielsweise in der Saga von Olaf den Heiligen aus der Heimskringla vor. Dort steht: Í Svíþjóðu var það forn siðr, meðan heiðni var þar að höfuðblót skyldi vera að Uppsölum að gói. [4] (Auf Deutsch: In Schweden war es firne Sitte, als das Land (noch) heidnisch war, daß das Hauptblót (Opferfest) im Monat Gói (Februar) zu Uppsala stattfinden sollte.) Der Ausdruck Firne Sitte bedeutet soviel wie althergebrachte Sitte oder alte Tradition. Zu behaupten, daß Firne Sitte (forn siðr) der Name der wikingerzeitlichen Religion war, ist jedoch nicht vollkommen richtig. Es ist jedoch der Begriff in den altnordischen Quellen, der einem Namen für die alte Religion am nächsten kommt.
Es steht wohl Frömund Ansheille zu, den Begriff Forn Sed (Schwedisch für Firne Sitte) zu Beginn der 1990er Jahre als Bezeichnung für unsere Religion eingeführt zu haben. Ob er es allein war, oder ob auch andere Heiden zur gleichen Zeit den Begriff als interessant erachteten, können nur wenige wirklich beurteilen. Dass dieser Terminus zu Beginn der 1990er Jahre in Gebrauch kam, ist jedoch klar.
Der Begriff Firne Sitte (forn sed) wurde in den vergangenen zwei Jahrzehnten leicht variiert. Ausdrücke wie forn sed (Firne Sitte), fornsed (Firnsitte) und den forna seden (die firne Sitte) werden im Großen und Ganzen synonym verwendet. Andere ziehen es vor von heidnischer Sitte (hednisk sed), norröner/altnordischer Sitte (norrön sed), nordischer Sitte (nordisk sed) oder einfach nur von der Sitte (seden) zu sprechen. Wobei jedoch der Begriff der nordischen Sitte/nordisk sed [5] von der Religionsgemeinschaft Samfälligheten för nordisk sed [6] als der heutzutage lebendige Volksglauben mit seinen lebendigen Traditionen definiert wird, und dies wird als klare Abgrenzung zu dem Begriff Asatro, der hier im engeren Sinne als Rekonstruktionsbestrebung der wikingerzeitlichen Religion verstanden wird, gesehen.

Die Unterscheidung von Glaube (Tro) und Sitte (Sed)
Ein Einwand gegen das Wort Asaglauben/Asatro ist, daß die altnordische Religion wahrscheinlich gar kein Glaubensbekenntnis oder ähnliches kannte. Stattdessen basierte sie gänzlich auf der Ausübung von Sitten, Bräuchen und Traditionen. Hier befinden wir uns also inmitten der Unterschiede von verschiedenen Religionsformen. Während es im Christentum einen rechten Glauben gibt, der dazu von zentraler Bedeutung ist, so ist im Heidentum die Ausübung des Kultes das Wichtige. Bis heute haben wir in unserer Vereinigung kein Glaubensbekenntnis oder einen anderweitigen Leitfaden, der einem vorschreibt, an was man als Mitglied glauben soll. Es gibt jedoch lose Richtlinien wie ein Blót/Bluoz ablaufen soll. Wir sehen also, daß die Sitten und Bräuche bedeutsamer sind, als die Glaubensvorstellungen unter unseren Mitgliedern. Hier von einem Asaglauben (Asatro) zu sprechen weist auf einen deutlich christlich geprägten Sprachgebrauch.

Asen oder Mächte
Asaglauben (Asatro) ist ein recht beschränkender Name, da die Firne Sitte aus vielen Elementen besteht, die sich nicht unmittelbar auf die Asen (Æsir, Ensî) oder die Edda-Überlieferungen beziehen lassen. Viele von uns wenden sich öfter an die Wanen (Vanir) als an die Asen. Bei unseren Ritualen (Blót) wenden wir uns fast immer an die Rådare [7] des Ortes, die weder Wanen noch Asen sind, und andere Wesen des Volksglaubens.


Bild. 2 Skogsrå/Huldra eine Wesensheit des swedischen Volksglaubens

Man kann darum fragen warum nur die Asen in den Namen unserer Religion eingehen sollen. Ein Ansatz diese Frage zu lösen könnte darin bestehen, die Begriffe Asaglauben (Asatro), Vanaglauben (Vanatro) und Volksglauben (Folketro) als Beschreibung für unsere Religion zusammenzubündeln. Diese Vielzahl von Begriffen aneinander zu reihen wirkt jedoch etwas sperrig. Für meinen Teil ziehe ich es vor, die Firne Sitte als Sammelbegriff für Asaglauben (Asatro), Vanaglauben (Vanatro) und Volksglauben Folketro zu definieren. Der Begriff umfasst auf seine Weise all die verschiedenen heidnischen Traditionen aus allen Zeiträumen in dem Gebiet wo die Sprachen der germanischen Sprachfamilien gesprochen wurden und werden. Ich erlebe erst richtig, was diese weit gefasste Definition alles einschließt, wenn ich Heiden höre wie sie die moderne Firnsitte beschreiben. Manche werden von den bronzezeitlichen Felsritzungen (Helleristinger), andere von den Eddaliedern und wieder andere von den Vorstellungen des Volksglaubens inspiriert. Für viele von uns sind all dies gleichsam Teile unserer Religion.

Ist die Sitte althergebracht oder modern?
Ein üblicher Einwand gegen den Begriff Firne Sitte ist, daß unsere Sitte nicht vorzeitlich sondern neuzeitlich ist. Ich für meinen Teil sehe die Firne Sitte jedoch als alte Traditionen in neuem Gewand. Meiner Ansicht nach spielt es eine geringere Rolle ob es sich um lebende Traditionen handelt, die mir als Kind beigebracht worden sind, oder ob es sich um rekonstruierte Traditionen handelt, die von der Edda oder von archäologischen Theorien abgeleitet worden, da alles zusammen in meine Firne Sitte eingehen kann. Will man dagegen deutlich machen, daß es sich um eine zeitgemäße Religion handelt, von der man spricht, kann man ja Begriffe wie modernen Asaglauben oder moderne Firnsitte verwenden.

Schlussbemerkung
Was jeder von uns unter den einzelnen Begriffen genau versteht, wird verständlicherweise immer variieren. Einige nennen sich gern Asagläubige (Asatroende), während andere ein solches Etikett als sehr befremdlich empfinden. Firne Sitte empfinden einige als passend, andere meinen dass der Begriff etwas unpräzise sei. Ein Name ist schlussendlich mehr als nur eine Beschreibung für ein Ding. Ein Name ist gleichwohl auch ein Gefühl.


Weiterführende Literatur:
Reallexikon der germanischen Altertumskunde, Band 28 S. 273-278 Stichwort Siðr von E. Meinecke

Bernhard Maier, Die Religion der Germanen: Götter, Mythen, Weltbild (ISBN-13: 978-3406502804), S. 38-40


Bildnachweis:
Alle Bilder sind gemeinfrei Quelle: Wikimedia Commons

Fußnoten:
[1] Im schwedischen Originaltext stehen hier die schwedische Begriffe Asatro und Forn Sed, gemeint sind hier die neu-schwedischen Übersetzungen für dänisch asatro und altnordisch forn siðr. Um hier der Verwendung einer rezenten Sprache gerecht zu werden, werden bei der Übersetzung aus dem Schwedischen die Begriffe Asaglauben für Asatro und Firne Sitte für Forn Sed verwendet. Wenn es auf die etymologische Herkunft im Text zu sprechen kommt wird keine Übersetzung der jeweiligen Sprachvarianten erfolgen, bzw. entsprechend in Klammern ergänzt.

[2] Nikolai Frederik Severin Grundtvig (geb. 8. September 1783 in Udby (Seeland); verst. 2. September 1872 in Kopenhagen), bekannter als N. F. S. Grundtvig, war ein dänischer Schriftsteller, Dichter, Philosoph, Historiker, Pfarrer, Pädagoge und Politiker. Grundtvig war stark beeinflusst von Johann Gottfried von Herder. Er gilt als Gründer der ersten Volkshochschule der Welt und begründete so die Volkshochschulbewegung. Seine Anhänger nennen sich Grundtvigianer. Der Grundtvigianismus ist als kirchliche Reformbewegung wesentlicher Bestandteil der dänischen Kirchengeschichte. Grundtvigs Dichtung prägte das Selbstverständnis der Dänen. 1861 wurde er in Anerkenntnis seines Lebenswerkes von König Frederik VII. zum Bischof von Seeland ernannt. Er war damit nominell Primas der dänischen Kirche. Leben und Werk von N.F.S Grundtvig finden in Dänemark bis heute Beachtung. Quelle und weitere Informationen: http://de.wikipedia.org/wiki/Nikolai_Frederik_Severin_Grundtvig

[3] Carl Gustaf af Leopold (geb. 3. April 1756 in Stockholm; verst. 9. November 1829 ebenda) war ein schwedischer Dichter und Schriftsteller. Er wurde unter dem Namen Carl Gustaf Leopoldt geboren. Sein Vater war Zollbeamter. Er wuchs in Norrköping auf. Ab 1773 studierte er in Uppsala. Nach seinem Studium war er zunächst als Hauslehrer tätig. Leopold trat zuerst mit zeittypischen Huldigungsgedichten hervor und machte sich 1778 einen Namen mit einem Gedicht auf die Geburt des Kronzprinzen Gustav Adolf. Quelle und weitere Informationen: http://de.wikipedia.org/wiki/Carl_Gustaf_af_Leopold

[4] weitere Beispiele siehe: www.firne-sitte.net/Religionsbezeichnung_firne_Sitte.html

[5] Der schwedische Begriff nordisk sed ist hier wohl am ehesten vergleichbar mit dem stärker brauchtumsbetonten durch unsere Schweizer Freunde zeitweilig geprägten Begriff der Alten Sitte. Mittlerweile sind jedoch auch die Mitglieder der damaligen Alten Sitte Schweiz dazu übergegangen den alt-alamannischen Begriff Der Firno Situ als Eigenbezeichnung für ihre Religion zu verwenden siehe http://firnositu.ch/

[6] siehe http://www.nordisksed.se/

[7] Ein/e ist eine Gestalt des schwedischen Volksglaubens, die eine Art Wächterfunktion für einen bestimmten Ort hat. Die Skogsrå oder Skogsfru wird auch als Huldra bezeichnet und entspricht im weiteren Sinne der Frau Holle der deutschen Sagenwelt (weniger der Märchengestalt) siehe Svenska folksägner (mir ist leider keine deutsche Übersetzung bekannt). Ggf. kann man in den Holden eine Entsprechung für die schwedischen Rådare sehen.

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