Das Bluoz (Blót) - das heilige Fest der Germanen
von Peter A. Walthard

Die Religion der Germanen war eine Religion der Praxis. Als das Christentum in Skandinavien Fuß fasste, nannte man das verdrängte Heidentum nicht etwa „der alte Glaube“, sondern „die alte Sitte, der alte Brauch“ (Forn Siðr...Firne Sitte). Zwar gab es zahlreiche schillernde Mythen über die Götter, eine eigentliche Theologie oder gar ein religiöses Dogma waren hingegen ebenso unbekannt wie esoterische Einweihungswege und Mysterien. Alles, was wir über das vorchristliche Skandinavien wissen, läßt keinen Zweifel daran, daß der Kult die wichtigste, wenn nicht gar die einzige Form der Religionsausübung war. Dabei ging es weniger darum, die Götter in Demut zu verehren, als vielmehr um handfeste Anliegen. Den Elben, Disen und Göttern wurden Opfer um eine gutes Jahr, um Sieg oder um Frieden und Fruchtbarkeit gebracht. Das nordische Wort für eine solche Kulthandlung war Blót, das Verb dazu hieß blóta. Die althochdeutsche Form des Wortes ist Bluoz (die eigentliche Opfergabe bzw. das Opfertier hieß Bluostar, einen Tempel bezeichnete man als Blôzhûs), das Verb dazu hieß bluozan (im Neuhochdeutschen wüder das Verb blozen lauten). Interessant ist die Grammatik des Verbs: „So blozt man nicht dem Gott ein Pferd“, sondern „man blozt das Gott mittels eines Pferdes“. Das Wort Bluostar selbst (sowie das Wort Bluoz) ist mit dem heutigen plustern verwandt. Es geht also darum, die heilige Kraft, die man als Gott verehrt, durch die heilige Handlung zu vergrößern und zu stärken. (Andere etymologische Verwandschaften betehen zu Finnisch luote...Zaubergesang, Lappländisch luotte...magischer Gesang, Gotisch blôtan...verehren und blôstrei-s...Verehrer, Altenglisch blôtan...opfern)

Geopfert wurde an bestimmten Tagen, namentlich im Herbst, im Frühling und zur Zeit der Wintersonnenwende. Zur Sommersonnenwende fand schließlich das Thing statt, das ebenfalls mit einem Opfer eingeleitet wurde.

Diese Rituale fanden an heiligen Orten statt. Dies waren meist stimmungsvolle Plätze von großer Naturschönheit, etwa Wasserfälle, uralte Bäume, Moore, Schluchten oder Felsen. Die beeindruckende Naturkulisse hatte wohl den gleichen Effekt wie die prunkvolle Architektur der römischen Tempel - sie vermittelten den Feiernden ein Gefühl von der Macht und der Größe der Götter, die sie verehrten. Eigene Tempelbauten gab es bei den Germanen hingegen nicht. Höchstens ein aufgerichteter Felsen, ein hölzerner Schrein oder ein Steinmann wurden für die rituelle Handlung errichtet. Opfer wurden in Quellen, Seen und Sumpfaugen geworfen oder an Bäume gehängt.

Für die Germanen, die oft weit voneinander entfernt verstreuten Siedlungen lebten, waren diese heiligen Feiern auch eine willkommene Gelegenheit, das Gemeinschaftsgefühl der Sippe und des Stammes zu genießen. So gehörte zu jedem Bluoz ein mächtiges Fest. In der Heimskringla ist uns die Beschreibung eines solchen Festes überliefert:

„Zu solchem Opfergelage brachten die Bauern all ihre Bedürftnisse und Besonders Bier mit; alle Art von Vieh ward geschlachtet, auch Pferde; man sammelte das Blut in Gefäßen, und mit Sprengwedeln wurden Estrich und die Wände des Opferhauses von aussen und von innen mit Blut bestrichen, im gleichen die Menschen damit besprengt; das Geschlachtete aber ward zur Kost gesotten. Das Feuer musste mitten auf dem Estrich des Hauses sein, die Kessel hingen darüber. und man reichte sich darüber hin die Vollbecher zu. Der aber dem Opfermahl vorstand, was immer ein Häuptling war, musste den Vollbecher und alle Opferkost einsegnen.„
Das Blut der geopferten Tiere, das in Opfergefässen aufgefangen wurde, hieß Hlaut, was soviel wie Los bedeutet. Das Ritual dürfte uralt sein, erwähnt doch Strabo, daß die Kimbern und Teutonen gefangenen Legionären in einem schauerlichen Menschenopfer die Kehle durchschnitten, das Blut in großen Kesseln auffingen und daraus weissagten. Zur Zeit der Wikinger waren Menschenopfer allerdings längst nicht mehr in Gebrauch. Bei den Alemannen scheint es üblich gewesen zu sein, das Opfergefäß mit Bier zu füllen, wie ein Bericht des Columban vermuten lässt. Ob Bier oder Blut, die Symbolik ist klar - beides symbolisiert die Lebenskraft, die durch das Ritual auf die Teilnehmenden und die Götter gleichermaßen übergeht.

Zu einem germanischen Opferfest gehörte weiterhin das rituelle Trinken und das Schwören heiliger Eide sowie Prozessionen, Tänze und Maskenläufe.
Obwohl wir natürlich nie genau wissen werden, wie ein Blót bzw. Bluoz genau aussah, haben wir doch genügend Informationen, um den groben Verlauf eines solchen Festes zu skizzieren:

1. Die Heiligung
Bevor das Fest beginnt, wird der Ort, an dem es abgehalten wird geweiht. So wurde aus einem Bauernhof für begrenzte Zeit ein Tempel, die rituelle Zeit wird von der profanen Zeit geschieden. Beim Thing geschah dies zum Beispiel durch Einhaselung der Thingstätte.

2. Das Bluostar
Im heiligen Hain wurde das Opfertier geschlachtet und das Blut im Opferkessel aufgefangen. Da die meisten Heiden heute Tieropfer ablehnen, fällt das Töten des Tieres weg. Das Blut kann aber durch Bier, Wein oder Met ersetzt werde. Man kann mit Runen beschriftete Loszweige in die Flüssigkeit tauchen und so „das Schicksal erforschen„. Der Wein wird anschließend über die Teilnehmer versprengt und dann über einen Stein gegossen.

3. Das Sieden
Obwohl das Fleisch bei einem neuheidnischen Fest kaum mehr selbst geschlachtet ist, folgt auf das Bluoz dennoch das Kochen. Gefragt ist dabei natürlich Kesselfleisch aller Art, besonders „Gulasch„ erfreut sich grösster Beliebtheit.

4. Das Weihen
Ist das Opfermahl gekocht, versammelt sich die Kultgemeinschaft um den Tisch. Der Gastgeber weiht die Speisen und das Bier mit dem Hammerzeichen.

5. Die Vollhörner
Bevor das große Speisen beginnt, bringt der Gastgeber einen Toast auf die drei wichtigsten Götter und die Ahnen der Sippe aus.

6. Hunsal
Nun wird gegessen. Da es sich um ein Festmahl zu Ehren der Götter handelt, sollte sich niemand beim Schmausen und Trinken zurückhalten. Bei gewissen Festen ist es üblich, einen Teil der Speisen für die Götter, Elben oder Ahnen ins Freie zu tragen.

7.Das Abtreten
Nach dem Essen wird die Tafel aufgehoben: Die Speisen werden vom Tisch entfernt. Dabei sollte man keinesfalls die Reste des heiligen Opfermahls in den Mülleimer werfen. Sie werden ins Freie gebracht und dort den unsichtbaren Gästen des Festes überlassen.

8.Das Sumbel
Auf das Essen folgt das „ernsthafte Trinken„. Dabei ist es gut, sich nach dem Essen erst etwas Zeit zur Entspannung und - wir leben schließlich im 21. Jahrhundert - für einen Kaffee zu lassen. Beim anschließenden Sumbel wird zuerst auf die Götter und Ahnen, dann auf eigene Erlebnisse und Zukunftspläne getrunken. Bei dieser Gelegenheit wurden oft heilige Eide geschworen. Nach dem Sumbel ist das Fest natürlich noch nicht zu Ende. Unter Umständen folgen weitere Trinkrunden zu zweit. Schon Tacitus berichtete übrigens, daß die Germanen bei ihren Festen erst in den frühen Morgenstunden zu Bette gehen...

9. Der Abschied
Wenn der alte Zustand der Festhalle wieder hergestellt ist, wird die Feier beendet. Die Umhaselung wird aufgehoben, Donar für seinen Schutz gedankt. Nun heißt es „wohl mögest Du fahren und heil wieder kommen.„


Startseite