Neopaganismus Online
Das World Wide Web als Kommunikationsplattform zur Konstruktion spiritueller Identität

von Kristin Futterlieb
Philosophische Fakultät
Georg-August-Universität zu Göttingen
Betreuer: Prof. Dr. Andreas Grünschloß
Gutachter: JProf. Dr. Joachim Gentz
Datum: 29.09.2008


Lebenslauf der Verfasserin

Die Dissertation bei der Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen (Runterladen)


Zusamenfassung der Dissertation (Abstract)

In dieser qualitativ-hermeneutische Studie zum zeitgenössischen Neopaganismus im Internet, wird untersucht, welche Bedeutung das Medium World Wide Web für Neopagane in ihrer Identitätskonstruktion aufweist. Nach der Einleitung werden in den methodischen überlegungen drei Themenblöcke bearbeitet, die für die Durchführung der Forschung von Bedeutung sind: Erstens wird die Auswahl der Recherchewerkzeuge dargelegt, zweitens werden Voraussetzungen aufgezeigt, die vor einer Analyse des World Wide Web als Aktionsraum, Medium und Quelle ermittelt und dann in der Untersuchung berücksichtigt werden müssen, und drittens werden für die Untersuchung wichtige Begriffsklärungen vorgenommen. Hier werden insbesondere zwei Begriffe von der Autorin neu geprägt: Die an Cowan angelehnte Open-Source-Spiritualität und die CvK-unterstützte transformative Identitätskonstruktion. Beide Phänomene haben das World Wide Web als unabdingbaren Ausgangspunkt - und beide konnten erst durch die Möglichkeiten der computervermittelten Kommunikation entstehen.

Der Begriff Open-Source-Spiritualität zeigt, dass diese Spiritualität wie in Open-Source-Netzwerken im IT-Bereich (Bsp. Entwicklungen bei GNU/Linux) in einer Gemeinschaft erarbeitet wird, in der jede und jeder eigene Anschauungen mit einarbeiten darf und es keine Dogmen oder Restriktionen von einer übergeordneten hierarchischen Ebene gibt, und dass diese Spiritualität sich daher in einem stetigen Veränderungsprozess befindet. Wie im IT-Bereich gibt es viele individuelle Entwicklungen, die mit der Community geteilt und so von unterschiedlichen Seiten wieder neu bearbeitet werden. Der Quellcode wird dialogisch-gemeinschaftlich im virtuellen Raum präsentiert, modifiziert, individuell gehackt und in die spirituelle Teil-Identität im physical life integriert. Die Open-Source-Spiritualität wird also nie eine einheitliche und abgeschlossene Entität sein.

Der Begriff CvK-unterstützte transformative Identitätskonstruktion veranschaulicht, dass die von Neopaganen mit Hilfe der Möglichkeiten der computervermittelten Kommunikation geleistete Identitätsarbeit eine transformative Identitätskonstruktion darstellt, da unterschiedliche Elemente höchst individuell recherchiert, eingeflochten und umgedeutet werden, und so in eine persönliche spirituelle Teil-Identität einfließn, die sich dadurch beständig verändert.

Darauffolgend wird ein knapper überblick der verschiedenen Hauptrichtungen des modernen Neopaganismus gezeigt, der nicht nur durch beispielhafte Auszüge aus dem World Wide Web illustriert wird, sondern auch die neuen Ausprägungen, die dort entstanden sind untersucht. Es wird deutlich, dass besonders individuelle und persönliche konstruierte Open-Source-Spiritualität, die Eigenständigkeit der jeweiligen religiösen überzeugung sowie die Gleichwertigkeit aller individuellen spirituellen Vorstellungen ausdrücklich gefördert und angeregt wird. Das daran anschließende Kapitel analysiert systematisch die für den Neopaganismus zentralen Themen (betonte Abgrenzung gegenüber dem Christentum, Naturverbundenheit und Patriarchatskritik) und erarbeitet auch hier die durch das World Wide Web genutzten Möglichkeiten der Kommunikation. Im letzten Teil des Kapitels wird dann das umfangreiche empirische Datenmaterial vorgestellt, das zusätzlich zu den Analysen der Webseiten und -foren erhoben wurde und das immer wieder zur Untermauerung von Aussagen und Thesen herangezogen werden kann. Die Daten wurden in zwei Interviewphasen und per Fragebogen erhoben und geben detailliert Auskunft darüber, wie Neopagane selbst die Rolle beurteilen, die das World Wide Web bei der Ausbildung ihrer persönlichen spirituellen Identität spielt.

Im nachfolgenden Kapitel wird die insgesamt untersuchungsleitende Fragestellung fokussiert, wie das World Wide Web von Neopaganen als Kommunikationsplattform genutzt wird, um hier die geschilderte neue Art der Identitätsarbeit zu leisten, die aufgrund von veränderten gesellschaftlichen Bedingungen scheinbar von ihnen gefordert wird . Im kritischen Rückgriff auf Becks Thesen zur Risikogesellschaft wird dargelegt, wie Neopagane diese Aufgabe einer Bricollage-artigen Neukonstruktion ihrer spirituellen Identität durch die Nutzung des Internets bewältigen. Es wird die genauere Art und Weise des neopaganen Umgangs mit der Kommunikationsplattform untersucht und festgestellt, dass Neopagane diese in der Regel nicht als spirituellen Raum nutzen, sondern dass sie vorrangig als Informations-, Kontakt, und Austauschrelais dient und die Vernetzung mit Gleichgesinnten im Vordergrund steht. Der zunehmende Verlust von Großen Erzählungen bedingt eine verstärkte Arbeit an individuellen kleinen Erzählungen, für die im World Wide Web ein neues und umfangreiches Warenlager letzter Bedeutungen (Luckmann) zur Verfügung steht. Neopagane befinden sich so auf einer fortwährenden spirituellen Wanderung und treffen sich im Netz an virtuellen Lagerfeuern, die ihnen eine Beheimatung und den Austausch mit Gleichgesinnten bieten. Webseiten sind oft ein Ort des coming out of the broom closet (Cowan) und des Kennenlernens von Personen, mit denen dann auch Treffen und Freundschaften im physical life entstehen können.

In der abschließenden Schlussfolgerung werden die Ergebnisse der Arbeit dann gebündelt dargestellt: Es konnte gezeigt werden, dass für Neopagane mit der Zugänglichkeit und der Bezahlbarkeit des World Wide Web eine neue Ära begonnen hat. Es gab ihnen die Möglichkeit, Informationen zu sammeln, sich auszutauschen, sich on- und offline mit Gleichgesinnten zu treffen und dies alles zu nutzen, um ihre spirituellen individuellen und Gemeinschafts-Identitäten zu konstruieren. Dies alles wäre ohne die technischen Errungenschaften des World Wide Web in diesem Maße nicht möglich geworden.


Startseite