Wie bezeichneten die heidnischen Germanen ihre Religion?

Forn Siðr - Die Firne Sitte

Der Begriff Religion stammt ursprünglich aus dem Latein, d.h. von den Römern, und leitet sich von dem Verb religare, was soviel wie sich wieder-verbinden bedeutet, ab. Diese Rückverbindung bezieht sich auf Althergebrachtes im weitesten Sinne: Tradition, Riten, Kult, eponyme Götter und äthiologische Mythen.

Die Germanen sprachen einfach von ihrer Sitte (situ, siðr) wenn sie ihre religiösen Verhältnisse bezeichneten [1,2,5,9]. Dem Einzug des Christentums im Norden, d.h. die Zeit der Christianisierung, bezeichnete man als Sittenwechsel (Siðaskipti - Denglisch: Sitten-Shift) womit eben nicht eine bloße Veränderung im Brauchtum gemeint war, sondern eben ein Religionswechsel [2,9]. Dieser Sittenwechsel machte es notwendig zwischen der alten heidnischen Sitte/Religion und der neuen christlichen Sitte/Religion zu unterscheiden. So wurde im Altnordischen Schrifttum der Begriff inn forni siðr (Firne Sitte), d.h. die Heidnische Sitte (heiðinn siðr) der neuen Sitte inn nýi siðr , d.h der christlichen Sitte (kristinn siðr) gegenübergestellt [1]. In der Saga Ólafs hins helga finden die Variation forn landsiður (firne Landsitte), die die Verbindung von Sitte und Land unterstreicht und in der Skjöldunga saga die Variante fornri siðvenju, was soviel wie firne Sittengewohnheit bedeutet und den Übergang von Sitte bzw. Religion zum Brauchtum verdeutlicht.


Niuwe friunde und niuwer wîn
Mügen wol gelîch ein ander sîn.
Alein den ougen und ouch dem hirne.
Vil gesünder sî der virne.
.


Das Adjektiv firn (an. forn, ahd. firni) ist etymologisch verwandt mit dem deutschen fern im Sinne von zeitlich fern zurückliegend. Das Adjektiv firn bleibt noch mittelhochdeutsch lebendig, sein Gebrauch wird aber neuhochdeutsch eingeschränkt auf die Bedeutung letztjährig (von Getreide, Wein, Schnee usw.) und bleibt heute nur im Gebrauch als önologischer Fachbegriff (firner, d.h. alter Wein; substantiviert außerdem Firn letztjähriger Schnee"). Jakob Grimm vermutet aber noch im mhd. Gebrauch von firn (gegenüber bloßem alt) eine Bedeutungsnuance von erfahren, klug.

Sicherlich ist der Begriff Forn Siðr, der hier etymologisch korrekt als Firne Sitte übersetzt werden soll, und dieser Internet-Seite seinen Namen verleiht, im Kontext der Sagas primär nicht als Terminus technicus zu sehen, denn dafür bestand zumindest bis zum Kontakt mit dem Christentum kein Bedarf. In jüngerer Zeit avancierte der Begriff Forn Siðr zum Teil in seinen Lehnübersetzungen Fyrn Sidu, Forn Sed oder eben Firne Sitte zu eben diesem Terminus technicus, der als Eigenbezeichnung für die germanisch-heidnische Religion steht. Das verdeutlichen einerseits wissenschaftlich Publikationen, z.B. Gro Steinslands Norrøn Religion (S. 13) und andererseits Namen neureligöser Organisationen wie Forn Siðr Danmark, Foreningen Forn Sed Norge, Samfund Forn Sed Sverige oder Gotland Forn Sed.

Die Römer nannten ihre Religion übrigens mos maiorum. Wörtlich übersetzt bedeutet dies die Sitte der Vorfahren und steht somit dem Begriff der Firnen Sitte (forn siðr) semantisch sehr nahe.

Im Folgenden sei eine Auswahl von Saga-Texten aufgeführt die den Begriff der Firnen Sitte - Forn Siðr verwenden.




Færeyinga saga - Die Saga von den Färingern [3]

2. kapítuli
...
þorlákur kvæntist þar í eyjunum og var þó heima með föður sínum í Götu. Og bráðlega er þorlákur var kvæntur andaðist þorbjörn Götuskeggur, og var hann heygður og út borinn að fornum sið, því að þá voru heiðnar allar Færeyjar.
...


Deutsche übersetzung:
Thorlak heiratete dort auf den Inseln, blieb aber zu Hause bei seinem Vater in Göta. Doch bald nach der Hochzeit Thorlaks starb, Thorbjörn Götusbart und wurde nach firner Sitte hinausgetragen und aufgebahrt, denn damals waren alle Färinger noch heidnisch.


7. kapítuli
...
Sveinarnir sátu á klettinum og sá upp á þessi tíðendi, og grét þórir, en Sigmundur mælti: Grátum eigi frændi, en munum lengur.
Og eftir það fóru þeir í burt, og lét þrándur sveinana fara heim í Götu, en lík Hafgríms var flutt til Suðureyjar og þar jarðað að fornum sið, en vinir þeirra Brestis og Beinis fluttu lík þeirra heim til Skúfeyjar og grófu þar, enn að fornum sið.
Nú spurðust þessi tíðendi um allar Færeyjar, og harmaði hver maður þá bræður.
...


Deutsche Übersetzung:
Die Jungen saßen auf der Klippe und hatten das Geschehene mit angesehen. Thorir weinte, aber Sigmund sprach: Laß uns nicht weinen, Vetter, sondern uns dieses Tages für lange erinnern. Darauf fuhren sie alle fort, und Thrand nahm die Jungs zu sich nach Hause, nach Göta. Hafgrims Leiche wurde zu der Südinsel gebracht und dort nach firner Sitte beerdigt. Aber die Freunde von Brestir und Beinir ließen die Leichen der beiden Brüder zur Buschinsel bringen und beeerdigten sie dort nach firner Sitte. Jetzt wurden diese Ereignisse überall auf den Faröern bekannt, und jedermann betrauerte den Tod der Brüder.



Heimskringla (Snorra Sturlusonar) - Saga Hákonar góða [4]

16. Frá blótum.
Sigurðr Hlaðajarl var hinn mesti blótmaðr, ok svá var Hákon, faðir hans. Hélt Sigurðr jarl upp blótveizlum öllum af hendi konungs þar í þrændalögum. þat var forn siðr, þá er blót skyldi vera, at allir bændr skyldu þar koma sem hof var ok flytja þannug föng sín, þau er þeir skyldu hafa, meðan veizlan stóð. At veizlu þeirri skyldu allir menn öl eiga; þar var ok drepinn allskonar smali ok svá hross, en blóð þat alt, er þar kom af, þá var kallat hlaut, ok hlautbollar þat, er blóð þat stóð í, ok hlautteinar, þat var svá gert sem stöklar; með því skyldi rjóða stallana öllu saman, ok svá veggi hofsins utan ok innan, ok svá stökkva á mennina; en slátr skyldi sjóða til mannfagnaðar. Eldar skyldu vera á miðju gólfi í hofinu ok þar katlar yfir; ok skyldi full um eld bera. En sá er gerði veizluna ok höfðingi var, þá skyldi hann signa fullit ok allan blótmatinn. Skyldi fyrst óðins full, skyldi þat drekka til sigrs ok ríkis konungi sínum, en síðan Njarðar full ok Freys full til árs ok friðar. þá var mörgum mönnum títt at drekka þarnæst Braga full. Menn drukku ok full frænda sinna, þeirra er göfgir höfðu verit, ok váru þat minni kölluð...



Deusche Übersetzung:
16. Vom Blozen (Opfern)
Sigurd, der Jarl von Lade, war ein eifriger Opferer und dies war auch schon sein Vater Hagen gewesen. Sigurd stand allen Opferfesten dort in Trondheim an Stelle des Königs vor. Nach firner Sitte, hatten alle Bauern an die Stätte zu kommen hatten, wo der Tempel (Hof, Langhaus) stand, wenn ein Opferfest (Bloz) stattfinden sollte. Und sie mussten auch alle Lebensmittel dorthin mitbringen ,die sie nötig hatten, solange das Fest währte. Und zu diesem Fest sollten außerdem alle Männer Bier mitbringen. Man schlachtete dort auch Vieh aller Art und besonders Pferde. Alles Blut aber von diesen nannte man Opferblut, die Schalen, in denen das Blut stand, Opferschalen. die Opferwedel waren aber nach Art von Sprengwedeln gemacht. Mit diesen sollten die Götteraltäre allesamt bespritzt werden, ferner die Wände des Tempels (Hof, Langhaus) innen und außen. Auch auf die Menschen sollte man das Opferblut mit ihnen sprengen. Das Fleisch aber sollte gesotten werden zu frohem Schmaus für die Anwesenden. Feuer aber waren in der Mitte des Tempelflures angezündet, und Kessel sollten darüber sein, und man sollte die vollen Becher über das Feuer hin reichen. Der Veranstalter und Leiter des Festes aber sollte die Becher und die ganze Opferspeise segnen. Zuerst sollte man den Odinsbecher für den Sieg und die Herrschaft seines Königs trinken, und dann die Becher des Njörd und des Frey für fruchtbares Jahr und Frieden. Danach pflegten manche Männer den Bragi-Becher zu trinken. Man trank auch Becher auf seine Verwandten, die schon im Grabe lagen, und diese nannte man Gedächtnis-Becher.



Heimskringla (Snorra Sturlusonar) - Saga Magnús konungs Erlingssonar [4]
21. Ræður Erlings ok erkibyskups.
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styrkit þér Magnús konung til ríkis, svá sem þér hafit heitit, en ek skal styrkja yðart ríki til allra farsællegra hluta. Fór þá öll ræðan mjúkliga með þeim. þá mælti Erlingr: Ef Magnús er svá til konungs tekinn, sem forn siðr er til hér í landi, þá megut þér af yðru valdi gefa honum kórónu, sem guðs lög eru til at smyrja konung til veldis. En þótt ek sjá eigi konungr eða af konunga ætt kominn, þá hafa þeir konungar nú verit flestir í váru minni, er eigi vissu jafnvel sem ek til laga eða landsréttar...



Deutsche Übersetzung:
21. Königs Magnus Weihe
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Unterstützt Ihr König Magnus in der Herrschaft, wie Ihr versprochen habt, so will ich dafür Euere Herrschaft unterstützen, in allen Dingen, die Euch nützen können. Da sagte Erling: Wenn Magnus in der Weise König geworden ist, wie es nach firner Sitte hierzulande üblich war, dann könnt Ihr ihm die Krone geben, da Gottes Gesetz bestimmt, den König für seine Macht zu salben. Und wie wohl ich nicht König bin oder aus königlichem Geschlechte stamme, so hat es doch viele Könige gegeben, soweit ich mich erinnere, die sich nicht so gut auf die Gesetze und Landrechte verstanden.
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Heimskringla (Snorra Sturlusonar) - Saga ólafs hins helga [6]
77. Frá landsdeild í Svíþjóð og lögum
í Svíþjóðu var það forn landsiður meðan heiðni var þar að höfuðblót skyldi vera að Uppsölum að gói. Skyldi þá blóta til friðar og sigurs konungi sínum og skyldu menn þangað sækja um allt Svíaveldi. Skyldi þar þá og vera þing allra Svía. þar var og þá markaður og kaupstefna og stóð viku. En er kristni var í Svíþjóð þá hélst þar þó lögþing og markaður. En nú síðan er kristni var alsiða í Svíþjóð en konungar afræktust að sitja að Uppsölum þá var færður markaðurinn og hafður kyndilmessu. Hefir það haldist alla stund síðan og er nú hafður eigi meiri en stendur þrjá daga. Er þar þing Svía og sækja þeir þar til um allt land.
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Deutsche Übersetzung:
77. Landeseinteilung und Gesetze in Schweden
In Schweden war es firne Land-Sitte, als das Land (noch) heidnisch war, daß das Hauptblót (bluoz, Opferfest) im Monat Gói (Sonnmonat, Hornung, Februar) zu Uppsala stattfinden sollte. Da sollte man blozen (opfern) für den Frieden und den Sieg des Königs. Dorthin sollte das Volk aus dem ganzen Schwedenreiche kommen, und dort sollte zu gleicher Zeit die Dingversammlung aller Schweden abgehalten werden. Auch war dort ein Markt und eine Messe, die eine Woche (9 Tage laut Adam von Bremen) lang dauerte. Als aber Schweden christlich wurde, hielt man das Gerichsding und den Markt nichtsdestoweniger dort ab. Aber jetzt, wo ganz Schweden christlich geworden war und die Könige aufgehört hatten in Uppsala zu wohnen, wurde der Markt verlegt und zu Lichtmeß (2. Februar) abgehalten, und das ist seitdem ständig so geblieben, und jetzt dauert er nur noch drei Tage. Da wird das Schwedending abgehalten, und dorthin kommt man von allen Teilen des Landes.
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Skjöldunga saga - Sögubrot af nokkrum fornkonungum í dana ok svíaveldi [7]
9. Brávallabardagi. Fall Haralds hilditannar
Ok annan dag eptir at morgni lætr Hringr konungr kanna valinn ok leita at líki Haralds konungs, frænda síns, ok var mikill herr valsins fallinn yfir, þar sem líkit lá. Var þá orðinn miðr dagr, er líkit fannst ok valrinn var rofinn, ok lét Hringr konungr þá taka lík Haralds konungs, frænda síns, ok þvá af blóð ok búa um vegliga eptir fornri siðvenju, lét leggja líkit í þann vagn, er Haraldr konungr hafði til orrostu. Ok eptir þat lét hann kasta mikinn haug ok lét þá líki hans aka í þeim vagni, á þeim hesti, er Haraldr konungr hafði til orrostu ok lét svá aka í hauginn, ok síðan var sá hestr drepinn. Ok þá lét Hringr konungr taka þann söðul, er hann sjálfr hafði riðit í, ok gaf þann Haraldi konungi, frænda sínum, ok bað hann gera hvárt, er hann vildi, ríða til Valhallar eða aka. Ok þá lét hann gera þar mikla veizlu ok veita útferð Haralds konungs, frænda síns.



Deutsche Übersetzung:
Skjoldungen Saga - Fragment einer Saga über bestimmte alte Könige in Dänemark und Schweden
9. Die Schlacht von Bråvalla - Der Tod Harald Hildezahns [2,8]
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Da ließ König Hringr den Leichnam seines Verwandten, König Haralds, nehmen und das Blut abwaschen und ihn entsprechend der firnen Sitten-Gewohnheiten vorbereiten und den Leichnam in den Wagen legen, den König Harald in der Schlacht gehabt hatte. Danach ließ er einen großen Hügel aufwerfen und ließ den Wagen mit dem Pferd, das König Harald in der Schlacht gehabt hatte, hineinfahren, und dann wurde das Pferd getötet. Dann nahm König Hringr den Sattel. Auf dem er selbst geritten war, und gab ihn seinem Verwandten, König Harald, und bat ihn, zu tun was er wolle: entweder nach Walhall zu reiten oder zu fahren. Dann ließ er ein großes Fest ausrichten um die Ausreise König Haralds zu feiern.
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Quellen:
[1] Gro Steinsland, Norrøn Religion, Pax Forlag Oslo, 2005, ISBN: 8253026072
[2] Rudolf Simek, Religion und Mythologie der Germanen, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2003, ISBN: 3534169107
[3] Felix Niedner (Hrsg.), Grönländer und Färiger Geschichten, Eugen Diederichs Verlag Jena, 1912,
[4] Felix Niedner (Hrsg.), Snorris Königsbuch (Heimskringla) - Erster Band, Eugen Diederichs Verlag Köln-Düsseldorf, 1965
[5] Brit Solli, Seid - Myter, sjamanisme og kjønn i vikingens tid, Pax Forlag Oslo, 2002, ISBN:8253024037
[6] Felix Niedner (Hrsg.), Snorris Königsbuch (Heimskringla) - Zweiter Band, Eugen Diederichs Verlag Köln-Düsseldorf, 1965
[7] Sögubrot af nokkrum Fornkonungum í Dana ok Svíaveldi
[8] Fragment of a saga about certain early kings in Denmark and Sweden from Peter Tunstall, 2008
[9] Reallexikon der germanischen Altertumskunde, Band 28 S. 273-278 Stichwort Siðr von E. Meinecke



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