Brauchtum und Heidentum - eine Annäherung
von Tiurik Alvisson


Der Autor dieses Artikels, Alexander Lutz, der unter dem Pseudonym Tiurik Alvisson so einige interessante Beiträge verfasst, und diesen Artikel hier für diese Seite beigesteuert hat, ist zu unserem tiefsten Bedauern mit nur 41 Jahren im Frühjahr 2012 verstorben. Nach seinem langjährigen Kampf gegen eine Krebserkrankung, hat diese ihn dann leider viel zu früh aus dem Leben gerissen. Unser Freund und langjähriger Mitstreiter aus Vorarlberg hat sich als langjähriges Eldaring-Mitglied immer für eine stärkerer Rolle lokaler Traditionen und des heimischen Brauchtums eingesetzt. Unser Beileid gilt seinen Angehörigen. Dieser Artikel hier soll nun auch dazu beitragen das Andenken an ihn lebendig zu halten. Doch eines bleibt gewiß, in den voralberger Rauhnächten werden wir nun von Zeit zu Zeit ein vertrautes Hoi zemma, Tiuriks üblicher Gruß, vernehmen....




Das ist der Sinn von allem, was einst war:
daß es nicht bleibt in seiner ganzen Schwere,
daß es in unserem Wesen wiederkehre,
in uns verwoben, tief und wunderbar.
(Rainer Maria Rilke)


Der neue alte Weg
Nun ist man endlich angekommen. Das Kind hat einen Namen - Asatru. Manche mögen Alte Sitte oder Alter Weg als Bezeichnung bevorzugen. Schlussendlich ist man aber nun bei ihnen angelangt: den Göttinnen und Göttern unserer Vorfahren. Sie existierten lange bevor die Kunde vom Christengott in unsere Heimat kam. Ihr Werken und Wirken war eingebettet in die Abläufe der Natur, in den Lebenskreis von Tier und Mensch. Der Glaube unserer Vorfahren wurde von ihrer Umwelt, ihrer Geschichte und ihrer Region wesentlich mitdefiniert. Ihre Rituale, ihre Feste und ihre religiösen Bräuche machten Sinn. Sinn in der Auseinandersetzung ihrer Existenz mit der Umwelt, Sinn als identitätsstiftende Faktoren und gesellschaftliche Regulative innerhalb der Gemeinschaft.
Wir stehen nun hier. Bemüht den Glauben unserer Vorfahren in einer modernen Welt zu leben. Dabei sind wir mit einem Bruch in der Überlieferung konfrontiert, der ein hohes Maß an Improvisationskunst und Kreativität von uns allen abverlangt. Einem Glauben Leben einzuhauchen, der das letzte Mal 1000 bzw. 1500 Jahre vor unserer Zeit gemeinschaftlich begangen wurde, ist keine alltägliche Angelegenheit. Zeitgemäße Rituale zu finden, die nicht sinnentleert sind und die in der Auseinandersetzung mit unserer modernen Welt ihren Platz haben, ist definitiv keine leichte Aufgabe. Zumal ein großer Teil der heute praktizierenden germanischen Heiden ihren Glauben in Zusammenhang mit einer Gemeinschaft erleben wollen und ihre Religion als ausgeprägte Kultreligion definieren.

Sinn und Unsinn neuer „Traditionen“
Neben archäologischen Funden stehen uns meist nur spärliche schriftliche Quellen, wie die Germania des Tacitus oder die vielzitierte Edda des Snorri Sturlusson zur Verfügung. So versuchen viele sog. Ásatrúarmenn, vor allem aus den USA, das Rad neu zu erfinden. Viele Ergebnisse sind da durchaus als geglückt zu betrachten, Vieles ist aber auch so an den Haaren herbeigezogen, daß man sich oft fragt, was das Ganze denn mit unserer Religion zu tun haben soll. Betrachtet man z.B. einige der im Netz zur Genüge vorhandenen „Ásatrú-Kalender“, dann stößt man auf mancherlei kurios anmutende Daten. Daß der 25. April nun als Yggdrasil-Tag fungiert, war mir zumindest bisher neu. Die Bedeutung des 9. Februar, des 9. Mai und des 9. Juli als Tage zur Erinnerung an „Eyvind Kinnriffi“, „Gudrod of Gudbrandsdal“ oder „Unn the Deep-Minded“ verschließt sich mir bereits vollkommen [1].
Ein Kult um des Kultes willen kann meiner Meinung nach keine Lösung sein um unsere Religion mit Leben zu füllen. Die schöne Verpackung täuscht nicht über den mangelhaften Inhalt hinweg. Und so bemüht so mancher Versuch etwas Neues zu schaffen sein mag, so muss doch auch der Anspruch gelten, daß dieses „Neue“ dann auch Sinn machen sollte. Natürlich darf man nicht ungerecht sein und unsere Glaubensgenossen in Übersee hier kritisieren. Meines Erachtens hatten gerade Ásatrúarmenn aus den USA - nach der Initialzündung von Sveinbjorn Beinteinsson in Island - maßgeblich Anteil an der Verbreitung und Entwicklung von Ásatrú. Hier lieferte Ásatrú aus Amerika wichtige Impulse für Europa. So war ja auch die Gründung des Eldarings und seine initiale programmatische Ausrichtung zu einem erheblichen Teil vom amerikanischen Troth inspiriert.
Ein grundlegendes Problem amerikanischer Ásatrúarmenn sehe ich darin, daß die junge amerikanische Gesellschaft ihre Konsolidierungsphase erst hinter sich gebracht hat. Traditionen und Brauchtum sind demnach grundsätzlich christlicher oder weltlicher Prägung. Restbestände des europäischen Erbes werden über den Umweg der Kommerzialisierung erlebt und unter Umständen in das moderne Heidentum integriert (Halloween ist in diesem Zusammenhang sicher das Paradebeispiel). Eine originäre US-amerikanische Tradition war und ist nicht vorhanden, es sei denn als ethnische Religion der autochtonen indianischen Bevölkerung.

Die europäische Chance
Gerade in diesem Bereich liegt in meinen Augen eine besondere Chance für einen kontinentaleuropäischen Weg. Abseits von angelsächsich-„theodischen“, skandinavischen und amerikanischen Ansätzen kann hier ein neuer Weg beschritten werden. Die erste Phase Ásatrús erfolgte als moderne Konstituierung der germanischen Religion in Island. Sie war durch und durch eine nordische Angelegenheit, welche durch die Edda und die nordische Kultur begründet war. In dieser Phase wurde das Grundgerüst des neuen „alten Weges“ und seines modernen Kultes festgelegt. Die zweite Phase erfolgte eben in und durch die USA. Die Verbreitung von Ásatrú mit den damit verbundenen Irritationen und Experimenten, die jeder neuen Bewegung eigen sind. Die Notwendigkeit einer Diskussion, ob „folkish“ oder „universalist“ ergab sich erst so richtig in der „Neuen Welt“. „Theodische“ Ansätze wurden entwickelt. Die Versuche tragfähige und funktionierende Organisationen zu begründen, machten Ásatrú-Strömungen aus den USA zu einer Art organisatorischer und inhaltlicher Avantgarde unserer Religion.
Die Welle des germanischen Heidentums erreichte schlussendlich Europa. Das „Know-how“ amerikanischer Ásatrú-Organisationen war sicher willkommene Starthilfe für viele Ásatrúarmenn in Europa. Sowohl inhaltliche, programmatische und organisatorische Anregungen konnten so aus den USA importiert werden. Für mich behielt die Beschäftigung mit amerikanischen Organisationen, ihrer Präsenz im Internet und ihrer Texte allerdings immer einen etwas schalen Beigeschmack. Willkürlich festgelegte Feiertage, bemühte Versuche Rituale in Alt-Englisch, Alt-Hochdeutsch oder Alt-Nordisch durchzuführen und ein teilweise von stark romantischen Vorstellungen geprägtes Bild vom Leben unserer Vorfahren waren nur einige Aspekte, die meine Begeisterung für Ásatrú amerikanischer Prägung dämpften (was nicht heißen soll, daß romantische Vorstellungen im deutschen Raum nicht anzutreffen wären). Ebenso wenig kann und konnte ich mich aber auch für eine rein nordische Interpretation von Ásatrú begeistern. Auch wenn diese Interpretation über ein solides Fundament in der skandinavischen Kultur verfügt. Nur bin ich eben kein Skandinavier.

Kontinuität und Brauchtum
Vor diesem Hintergrund bietet sich für das germanische Heidentum in Deutschland eine historische Chance, sich an der globalen Entwicklung von Ásatrú zu beteiligen und einen eigenständigen Zweig zu etablieren. Einen Zweig der in Wechselwirkung mit den verschiedenen Ansätzen unserer Religion in anderen Regionen der Welt steht. Dort wo die Amerikaner an ihre Grenzen stoßen, in der Anknüpfung an bestehende kulturelle und religiöse Kontinuitäten, können wir mit unserem lokalen und regionalen Brauchtum einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung unseres Glaubens leisten. Das Ganze ist natürlich mit Arbeit verbunden. Mit der spannenden Arbeit sich in seiner Umgebung umzusehen. Welche Formen religiösen Brauchtums, Brauchtums des Lebens- und des Jahreskreises gibt es bei uns? Wie können wir sie in einen heidnischen Kontext stellen? Wo macht es Sinn? Wo nicht? Was gibt unser Sagenschatz her? Der ganze deutsche Raum ist voller vielseitiger Erscheinungsformen vorhandenen Brauchtums. Daneben existieren zahlreiche volkskundlichen Aufzeichnungen über Brauchtum, welches erst vor kurzer Zeit verloren ging und unter Umständen reanimiert werden könnte. Neben dem Überbau der germanischen Götterwelt, kann so auch der reichhaltige Schatz an Erzählungen von Geistern und Kobolden, von Riesen, Zwergen und Lindwürmern wieder freigelegt werden. Elemente der sogenannten niederen Mythologie, die meiner Meinung nach eine wesentliche Bereicherung meines Glaubensverständnisses darstellen. Wir haben daher die Chance die „Kunstreligion“ Ásatrú in unser Leben zu integrieren, ohne auf reine Neuschöpfungen angewiesen zu sein. Ein angenehmer Nebeneffekt ist zudem, dass sich die Menschen in unserer Umgebung in unserem Tun wiederfinden können. Sie können es als etwas „Bodenständiges“, als etwas Bekanntes wahrnehmen. Ásatrú wird zu einem Phänomen, welches zu Land und Leuten, zu Kultur und Geschichte passt und mitunter weniger als etwas Fremdes, Neues angesehen wird. „Brauchtum ist ein Begriff für die Gesamtheit der tradierten Bräuche und Sitten einer bestimmten menschlichen Gemeinschaft. Das Brauchtum wird in der Regel von der Mehrheit der Individuen dieser Gemeinschaft akzeptiert und als angenehm empfunden“[2].
Die Kontinuitäten regionalen Brauchtums sind dabei verblüffend. Unser Schweizer Freund Peter hat mich auf eine Ausgabe des „National Geographic“ aufmerksam gemacht. In einem Artikel über Italien vor den Römern, nimmt die Berichterstattung über erhaltenes -und heute als „christlich“ akzeptiertes - Brauchtum breiten Raum ein. Peter hatte dazu folgendes im Eldaring-Forum geschrieben:
„Die Titelstory handelt von Religion und Kultur der vorrömischen Stämme in Italien. Faszinierend dabei: Gewisse Bräuche im heutigen Italien lassen sich anhand alter Schriften bis ins vierte Jahrhundert vor Christus zurückdatieren. Für die ewige Debatte über Kontinuitäten bei den Germanen ein spannender Hinweis... Aber natürlich war bei den Germanen sicher alles ganz anders, und jede Kontinuität über die Jahrhunderte muss wegen der missing links ausgeschlossen werden. ;-) “

Ist Brauchtum heidnisch?
Seit meiner frühen Kindheit hat mich immer wieder die Frage beschäftigt, woher unser regionales Brauchtum wohl kommt. Der „heilige Schauer“ der dich erfüllt, wenn du vor einem 20m hohen, brennenden Funken stehst, ist unvergleichlich. Es stört auch nicht, daß rund um dich die halbe Dorfbevölkerung versammelt ist. Erstens sind auch sie vom archaischen Feuerritual ergriffen, zweitens ist der Funken an sich eine soziale Angelegenheit. Funken, Scheiben schlagen, Fasnat, Krampus, Räuchern, Flurumgänge usw. waren für mich wesentliche Meilensteine, die mich direkt auf den alten Weg, zur alten Sitte, zu Ásatrú führten. Dies führt zur umstrittenen Frage, ob denn unser Brauchtum - oder besser gesagt Aspekte einzelner Bräuche - „heidnisch“ sind. Ich behaupte, daß ein wesentlicher Teil alten Brauchtums auf vorchristliche Wurzeln zurückgeht. Auch bei uns sind, wie von Peter erwähnt, Kontinuitäten wahrscheinlich. Die vorsichtige Zurückhaltung einiger Volkskundler gegenüber diesem Ansatz ist für mich immer wieder erstaunlich. Vor allem, da sie bei vielen Wissenschaftlern das Ausmaß von fanatischer Verneinung annimmt. Ja - schriftliche Quellen sind spärlich. Daraus aber zu schließen, daß es vor der ersten schriftlichen Erwähnung keine entsprechende Tradition gegeben haben kann, ist in meinen Augen nicht seriös. Dasselbe Muster ist eigentlich bei fast allen Bräuchen vorhanden. Ob Fasnat oder Funken, ob Maibaum oder Perchten, immer wieder wird seitens verschiedener Wissenschaftler mantraartig wiederholt, daß dabei Kontinuitäten aus vorchristlichen Epochen keine Rolle spielen, daß es keinen Beweis für einen heidnischen Zusammenhang gibt, daß diese Bräuche weit jünger sind als angenommen, usw. Anscheinend kann nicht sein, was nicht sein darf. Freilich wird in diesem Zusammenhang auch nie eine schlüssige Erklärung angeboten, auf was diese Bräuche denn sonst zurück gehen könnten.

Es kann nicht sein, was nicht sein darf
Ich bin zudem überzeugt, daß es eine erhebliche Überschätzung des Einflusses und der Möglichkeiten der Kirche zur Völkerwanderungszeit darstellt, zu glauben, daß sie tatsächlich die Macht gehabt hätte, jahrhundertealte, beliebte und weit verbreitete heidnische Traditionen, Feste und Feiern zu verbieten und auszumerzen. Eine solche Institution wäre nicht angenommen worden. Diesem Umstand hat schließlich auch die Kirche, durch die Politik Gregors I. Rechnung getragen. Faktum ist, daß wir von den Umzügen unserer heidnischen Vorfahren spätestens seit Tacitus wissen. Flurumgänge heutiger Zeit erinnern stark an die Beschreibungen des Tacitus, über den ehrfurchtsvollen Zug der Sueben in ihrem Hain. Bestimmte Elemente der Heiligenverehrung sind oft genug auf die Verehrung heidnischer Götter und Göttinnen zurück zu führen. Maskenkulte und Maskentänze können als gegeben betrachtet werden. Anknüpfungspunkte zu vorchristlichen Elementen sind also reichlich vorhanden. Eine Hinwendung zum Brauchtum und etwaigen heidnischen Elementen soll aber keineswegs einem Rückfall in die romantische Verklärung des 19. Jahrhunderts, wo alles und jedes germanisch interpretiert worden ist, gleichkommen. Ich behaupte deshalb auch nicht, daß jede Form urtümlich anzusehenden Brauchtums unbedingt auf vorchristliche Wurzeln gründet. Weder die fanatische Ablehnung, noch die kritiklose Annahme dieser Theorie ist zielführend. Besonders bei archaischen Masken- und Feuerriten erscheint mir aber dennoch eine uralte Tradition plausibel. Zumindest konnte mir noch niemand befriedigend erklären, warum im 13./14./15. Jahrhundert, oder sogar noch später, aus heiterem Himmel solche Bräuche begründet worden sein sollen. Eventuell sogar noch unter der Patronanz der Kirche.

Das Paradebeispiel - Fasnat und Funken
„Wann und wie entstand also die Fastnachts-Tradition? Neuere Forschungen haben ergeben, daß die heute existierenden Traditionen nur bis etwa ins 12. Jh. zurück zu verfolgen sind. Die Annahme, uralte, heidnische Kulte aus der Vorzeit wären Grundlage, sind damit nicht mehr haltbar. Die Fastnacht sollte, nach diesen Ergebnissen, wohl lediglich die Nacht vor der 40-tägigen katholischen Fastenzeit kennzeichnen... Irgendwann im 15. Jh. begann die Kirche die Fasnet anzusehen als negatives Gegenstück zur Fastenzeit. Die Fasnet wurde als gottlos eingestuft, ja sogar als civitas diaboli, also als Welt des Teufels, verdammt von den Kanzeln“[3].
Soweit die gängige Meinung der Volkskunde. Die Naivität dieses Ansatzes ist meiner Meinung nach so haarsträubend, so fern jeder Logik, daß es mich beeindruckt, wie so etwas als wissenschaftlich verkauft werden kann. Diese Annahme negiert, daß die Fasnat nicht an einer Nacht, sondern über mehrere Wochen begangen wird. Ein Indiz, daß Elemente des Jahrezeitenwechsels eine wesentliche Rolle dabei spielen. Traditionell stellen Hästräger (Anm.: Die Gruppen mit einheitlichen Masken und Gewandung = Häs) Geister, Naturdämonen, Kobolde, Botzen, Hexen, Sumpfgeister usw. dar. Wo ist hier auch nur der Hauch eines christlichen Ansatzes zu finden? Zu behaupten von der Existenz eines Kultes, eines Brauches, einer Tradition könne erst dann gesprochen werden, wann sie tatsächlich das erste Mal dokumentiert sei, ist in meinen Augen hanebüchen. Zum anderen wird hier der Zusammenhang von Fasnat und Funken negiert. Der alemannische Funken kennzeichnet das eigentliche Ende der Fasnat. Nun wird dieser Funkensonntag nicht am Abend vor Aschermittwoch begangen, sondern erst am Sonntag darauf. Verbunden mit Schlemmereien, Funkaküachle, Glühmost etc. Der Funken, als traditionelles Ende der alten Fasnat, ist zudem das erste Mal bereits für das Jahr 1090 nachweisbar. Auf den Seiten des Kulturwerks Nordschwarzwald heißt es dazu: „Es trifft zu, daß die Kirche mit Einführung des Aschermittwoch im Jahresablauf einen Grenzzaun errichtet hat. Die aus vorchristlicher Zeit stammenden, über das ganze Jahr verteilten Mummereien, rituellen Maskentänze, Dämonen- und Naturbeschwörungen wurden von der jungen Kirche gebündelt und zeitlich begrenzt. So wie die alten Opferplätze mit Wallfahrtskapellen überbaut, heilige Bäume gefällt und Hünengräber eingeebnet wurden, so bekamen die Masken neue Formen und Inhalte.“ Und weiter: „Wie ein Großteil der heutigen Feste, ist auch die Fasnet vorchristlichen Ursprungs und hat nichtsdestotrotz über die Jahrhunderte nach der Christianisierung hinweg auch einiges an christlicher Symbolik aufgenommen.“[4]. Ein Standpunkt der ungefähr meinen Überlegungen entspricht und der in meinen Augen ein wesentlich realistischeres Bild der Vergangenheit zeichnet. Kris Kershaw geht in ihrem Buch „Odin - der einäugige Gott und die indogermanischen Männerbünde“ noch weiter. Sie verweist in diesem Zusammenhang auf die Arbeiten von Otto Höfler, Karl Meuli und Lily Weiser, wonach eine Verbindung von Mythos und Brauchtum bestehe. Der heidnische Totenkult sei demnach eng mit den maskierten weihnachtlichen Umzügen (z.B. Perchten) sowie den Masken und Feiern des Karnevals verbunden [5]. Belege für einen Maskenkult bei den Germanen gibt es genug. Neben Artefakten aus Skandinavien, die eindeutig Menschen mit Wolfsmasken zeigen, finden wir solche Abbildungen auch im südgermanischen Raum.

Wohin führt der Weg?
Aus der ganzen Diskussion um vorchristliches, wissenschaftlich belegbares und neu entstandenes Brauchtum, versuche ich, als heute lebender Heide, das für mich, meinen Glauben und meinen Kult relevante herauszufiltern. Natürlich ist mir bewusst, daß die zigtausenden Narren, die gerade noch die schwäbisch-alemannische Fasnat gefeiert und den Funken begangen haben, keine Heiden sind. Das man schon froh sein kann, wenn im öffentlichen Diskurs etwaige heidnische Wurzeln und Kontinuitäten dieser Bräuche überhaupt erwähnt werden. Heute nimmt ja, vom Pfarrer bis zur Blasmusik, der ganze Ort an den Veranstaltungen teil. Dennoch bin ich der festen Überzeugung, daß man hier als Heide, als Anhänger der alten Sitte, keine Berührungsängste zu haben braucht. Mein Plädoyer für eine Wiederaufnahme alten Brauchtums bedeutet keinesfalls eine Teilnahme an Wettsaufen und kollektiver Hysterie. Ich will für mich die alten Feste neu definieren, ihnen neues Leben und neuen Sinn einhauchen. Was spricht z.B. in der Fasnat gegen eine eigene - heidnisch inspirierte - Narrengruppe, die z.B. die Wilde Jagd, das Nachtvolk, Schwarzalben oder einfach überlieferte Fabelwesen zum Thema hat? Eine kleine aber feine Gruppe, die auch miteinander blozt und sumbelt. Gemeinsam bei traditionellen Speisen und Getränken feiert. Dem verschütteten Erbe des Brauchtums - dem Übergang der Jahreszeiten - in heidnischer Weise huldigt, dabei zu Ehren Herthas, Frijas und Wodans in's Häs springt und als Unterstützung und zu Ehren Donars den Funken entzündet. Abseits der großen Massenspektakel kann man auch an kleinen Veranstaltungen teilnehmen und dort zudem bewusstseinsbildend wirken. Was spricht dagegen wenn man, wie es einige unserer Glaubensgenossen in der Schweiz schon praktizieren, zu Zeiten der Rauhnächte das Gesicht schwärzt, eine Holzmaske und ein Fell umhängt und gemeinsam durch die Winternächte zieht? Mit Trommeln und Hörnern, mit Ruten und Pferdeschwänzen. Wer schon einmal in den Rauhnächten mit einer Maske, mit Fell und Glocken als Krampus oder Schiachpercht über verschneite Hügel und Wälder durch die Nacht gejagt ist, der kann sicher bestätigen, daß man tatsächlich einen Zustand der Entrückung erreicht, daß man die Präsenz von Wodan spürt, ihm nah ist und er dich ganz durchdringt. Für den Maskenzauber als wilder Mann in der Fasnat gilt dasselbe. Man spürt die Anwesenheit der Geister und Wichte, man schlägt eine Brücke zu den Ahnen, den Einheriern, zu den Geistern unserer Vorfahren. Ein solcher Abend mit anschließendem Blót und Sumbel stärkt die Verbindung zu Göttern, Ahnen und Geistern unvergleichlich. Man taucht in ihre Welt, begleitet sie ein Stück auf der Wilden Jagd, wird Teil von ihnen.

Die Zurückeroberung der Bräuche als Chance
Selbstverständlich ist mir bewusst, daß ich hier in erster Linie regionales alemannisches Brauchtum beschrieben habe. Meines Erachtens gibt es aber im gesamten deutschen Raum Bräuche und Traditionen, die es wert sind, wiederentdeckt und quasi zurückerobert zu werden. Den vielleicht vorhandenen christlichen beeinflussten Lack zu beseitigen. Dabei meine ich nicht nur große Feste im Jahreskreis. Auch lokales Brauchtum zum Lebenskreis - zur Geburt, zum Brautlauf, zum Tod - kann man untersuchen und vielleicht einige Elemente neu für sich entdecken. Es eröffnet sich ein weites Betätigungsfeld, das es wert ist genauer untersucht zu werden. Abseits von neu kreierten Ritualen, Blót und Feiern ist die Zurückeroberung des Alten ein Weg, unsere Götter und Geister, unsere Ahnen und alle anderen Wesen um uns herum, auf eine neue Art zu erleben. Es ist, wie ich bereits Eingangs erwähnt habe, eine Möglichkeit einen eigenständigen Weg von Ásatrú zu beschreiten, der vielleicht auch für Ásatrúmenn in anderen Ländern und Kontinenten interessant sein könnte. Auch wenn verschiedene Bräuche heute im öffentlichen Diskurs nur mehr wenig mit heidnischen Vorstellungen gemein haben, sie sind lebendiger Ausdruck der Kontinuität unserer Kultur. Sie mit heidnischem Sinn und Leben zu erfüllen, und damit eine Brücke zu unseren Ahnen über Generationen hinweg zu schlagen bleibt dabei unsere Aufgabe. Peter hat es mit einem Satz auf den Punkt gebracht: „Für mich war es eigentlich immer klar, daß der Übersitz oder das Fasnachtsfeuer heidnische Bräuche sind, und für mich sind sie ein Stück heilige Tradition, die uns mit unseren Vorfahren und unserem Land und damit auch mit den Göttern und Geistern, die uns so wichtig sind, verbinden.“ Dem kann ich mich nur anschließen.

Quellenverzeichnis
[1] Gesehen auf: www.destinyslobster.com/asatru/calendar.html . Es genügt aber auch einfach nach den Begriffen „Asatru“ + „Calendar“ zu googeln.
[2] Definition von Brauchtum auf „Wikipedia. Die freie Enzyklopädie“. Auf http://de.wikipedia.org/wiki/Brauchtum
[3] Gesehen auf: http://www.freiburgplus .de/fasnet2.htm
[4] Gesehen auf http://www.kulturwerk-nsw.de/unsereheimat/brauchtumkultur/index.html
[5] Auf Seite 36 schreibt Kershaw weiter: „In seinen Kultischen Geheimbüde der Germanen (1934) zeigte Otto Höfler, dass Heer und Jagd als zeitgenössische kultische Ausübungen der wodanischen Religion angesehen werden können - und mehr noch: daß die gespenstischen Horden, die Wodan führte - das Heer, die Jagd und seine Einherier - ihre realen Entsprechungen in ekstatischen Kriegerbünden besaßen, in jungen Männern aus Fleisch und Blut, die sich in kultischer Einheit mit den toten Kriegern ihrer nationalen Vorzeit befanden.“
[6] Kershaw erwähnt in diesem Zusammenhang die Helm-Schmuckplatte aus Torslunda. Das Schwert von Guttenstein (http://www.hp.uab.edu/image_archive/ujg/metalwork17.jpg ) kann als südgermanische Entsprechung bei den Alemannen gewertet werden.


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