Alemannisches Brauchtum
von Peter A. Walthard

Düstere Geisterheere und wilde Fasnachtszüge, prasselnde Frühlingsfeuer und rauschende Winzerfeste, Wilde Männer und einkehrende Tote: Das Brauchtum der Alemannen zwischen Alpenhauptkamm und Rheinebene ist urtümlich, archaisch und wild geblieben.

Die Alemannia - Ein Randgebiet im Herzen Europas

Von den moorigen Höhen der Vogesen bis zu den abgelegenen Almen des Allgäus, von den mit finsteren Tannen bewachsenen Bergzügen des Schwarzwalds bis zu den weissen Schneeriesen der Alpen, durch den Rhein mit der kühlen Nordsee, durch die Rhone mit den warmen Ländern des Mittelmeers und durch die Donau mit den Ebenen des Ostens verbunden, siedeln seit über 1500 Jahren die Alemannen. Auf fünf Staaten und unzählige Gaue und Talschaften verteilt lebt dieses Volk, daß nie einen eigenen Staat begründete und doch durch gemeinsame Sprache und Wesensart verbunden ist. Im eigentlichen Zentrum des modernen Europas gelegen finden sich nur wenige große Städte. Zürich, Straßburg, Stuttgart, Basel vielleicht. Flaches, fruchtbares Land, das viele Bewohner ernähren kann, findet sich in Norden, wo sich die oberrheinische Tiefebene zum fränkischen Land hin öffnet, am Neckar und im schweizer Mittelland zwischen Jura und Voralpen. Hier befinden sich heute die städtischen Ballungsräume, wo nicht nur die Unterschiede zwischen den alemannischen Stämmen, sondern zwischen europäischen, amerikanischen und orientalischenm Kulturen langsam verwischen.
Der Großteil der Alemannia aber war und ist Peripherie. Die Alpen sind trotz Tourismus mehr denn je eine Randregion, leiden unter Abwanderung und der Rückkehr der Wildnis in die immer weniger gepflegten Alpen und Wälder. Auch die Täler der Voralpen, des Schwarzwalds, des Jura, der Vogesen, der schwäbischen Alb waren stets abgelgene Gegenden. Die Viehwirtschaft war den Alemannen wichtiger als der Ackerbau, die Streusiedlungen lieber als die großen Städte. Letztere gehören zur Alemannia dazu, sind schmucke Perlen des Landes, das Eigentümliche hat sich aber oft nur in entlegenen Tälern erhalten können. Gerade in den Alpen haben Dialekte, Bräuche und Gepflogenheiten aus ältester Zeit überdauert. Ihnen soll im folgenden unser besonderes Augenmerk gelten.


Brauchtum im Wandel: Heiligenverehrung oder heidnischer Kult?

Dem an verfeinerte folkloristische Formen wie etwa den städtischen Karneval gewöhnten Unterländer erscheint das Brauchtum der Alpen oft ungestüm, wild und archaisch. Der Anblick von in Fellen gehüllten, mit furchterregenden Holzmasken ausgestatteten Bootzen, der mit Treicheln und Geisseln entfachte Höllenlärm, die lodernden Frühlingsfeuer und die kraftraubenden Zweikämpfe der Schwinger mahnen eher an ein unzivilisiertes Naturvolk als an das in den Städten und Agglomerationen sorgsam gehegte Bild vom spiessigen, sauberen und nüchternen Schweizer.
Als im letzten Jahrhundert Gelehrte begannen, sich für die Lebensweise der Bergbewohner zu interessieren, sahen sie in den wilden Festen der Bergler überreste von heidnischen Kulten. Die Erklärung saisonaler Bräuche als Naturmagie und heidnische Geisterbeschwörung hat längst Eingang in Touristenprospekte gefunden. Es gerät dabei oft in Vergessenheit, daß das Brauchtum, das uns so „heidnisch“ entgegenkommt, Teil einer christlichen Kultur ist und sich oft streng nach dem kirchlichen Jahr richtet. Zahlreiche archaisch anmutende Sitten haben enge Beziehungen zur kirchlichen Lehre, die allerdings zusehends in Vergessenheit geraten. Gleichwohl sind aber einzelne Bräuche, wie etwa der Maibaum oder die Frühlingsfeuer auch schon für die heidnische Zeit eindeutig belegt.
Es macht fast den Anschein, als passten sich brauchtümliche Formen mit der Zeit verschiedenen weltanschaulichen Konzepten an. Das christliche Europa wird bei der Gestaltung seiner Feste wohl auf die altbewährten heidnischen Bräuche zurückgegriffen haben, mit dem Schwinden der kirchlichen Macht scheinen Deutungen wie „alter Fruchtbarkeitszauber“, „Geisteraustreiben“ oder „Totenkult“ wieder wichtiger zu werden. Auch die Motivation der Brauchtumsträger selbst ist keineswegs konstant. In den Städten hat oft das Bürgertum alte Bräuche zu Repräsentationszwecken übernommen (man denke an das „Züricher Sechseläuten“), heute sind zum einen der Tourismus, zum anderen aber auch das „Heimatbedürftnis“ vieler Menschen, die wesentlichen Motoren für das Weiterbestehen der Folklore. Während bis in die fünfziger Jahre viel Energie auf die Zähmung der oft überbordenden und degenerierten Bräuche verwendet worden ist, meist mit Erfolg, zeichnet sich seit einigen Jahren eine „Archaisierung“ besonders der Masken und Larven ab. Im Brauchtum von Heute scheint der moderne Mensch den intuitiven Kontakt mit der magischen Welt seiner wilden Ahnen zu suchen und offenbar zu finden.


Winter, Frühlings und Herbstfeste

Im Großen und Ganzen lassen sich die unzähligen alemannischen Feste in drei Gruppen einteilen. Erstens die Maskenbräuche im Winter, die November beginnen und bis zur Fasnacht reichen und denen oft etwas „Dämonisches“ und Unheimliches anhaftet, dann die Frühlings und Sommerbräuche, in denen vorallem das Abbrennen grosser Feuer im Zentrum steht, und die Herbstfeste, bei denen getanzt und gezecht und die Ernte gefeiert wird. Dies entspricht in etwa den drei Festen, die die Germanen im Herbst, Winter und Frühling feierten und es ist durchaus möglich, daß die heutigen Feste aus dem brauchtümlichen Fundus dieser heidnischen Feiern geschöpft haben. Auch das Erbe der romanischen und keltischen Bewohner unseres Landes dürfte Eingang in die Folklore gefunden haben. Die Feiertage entstammen aber allermeist dem Kirchenjahr.


Das Heer der Toten: Masken und Treicheln zur Mittwinterszeit

Die Mittwinterzeit ist die Zeit der Geister und Wiedergänger, der Bootzen, wie sie bei den Walsern heißen. Dieser Ausdruck bezeichnet auch die Nachtbuben, die zu dieser Zeit mit Masken oder rußgeschwärzten Gesichtern umziehen, Lärm machen und die Kinder in Angst und Schrecken versetzen. Besonders auf die hübschen Mädchen haben es die rauhen Gesellen abgesehen.
In der Innerschweiz spielten die Nachtbuben, Mitglieder von Knabengesellschaften, die besonders durch ihr agressives Auftreten bekannt waren und früher kräftig bei der Reisläuferei mitmischten, eine wichtige Rolle im winterlichen Brauchtum. Sie zettelten oft blutige Fehden untereinander an und hatten eine eigenartige Affinität zum Tod. Ihre Treffen fanden oft in der Nähe von Friedhöfen statt, sie hatten bestimmte Aufgaben bei Begräbnissen, vorallem von Hingerichteten, und traten oft an Totengedenktagen auf. Es wundert also nicht, daß sie die Rolle der Totengeister übernahmen.
Auch die Krampusse im Vorarlbergischen und die Lötschentaler Roitschäggeten, welche aber erst in der Fasnachtszeit umziehen, gehören wie die Bootzen hierher.


Das Klausjagen

Die Weihnachtszeit beginnt im Alemannischen mit dem sechsten Dezember, dem Tag des St. Nikolaus. Dieser übertraf früher Christkind und Weihnachtsmann bei weitem an Bedeutung.
Mit dem Klausjagen in der Innerschweiz beginnen die winterlichen Maskenumzüge. An der Spitze der traditionell ausschliesslich von Männern gebildeten Züge marschieren die Kläuse. auf ihrem Kopf tragen sie große, nach Art der gotischen Kirchenfenster gebastelte Infuln, die Iffele, durch das Dorf. Hinter diesen Lichtträgern folgt der eigentliche Lärmzug. Junge Männer im weißen Hirthemd knallen mit Peitschen, dumpfe Hornstöße hallen durch das Dorf, das dunkle Klopfen der Treicheln und das helle Singen der Schellen geht durch Mark und Bein.


Treicheln und Übersitz in der Altjahrswoche

Das Treicheln ist der wichtigste Winterbrauch im schweizerischen Berggebiet. Besonders eindrücklich hat es sich im Haslital am obersten Lauf der Aare gehalten. Hier im protestantischen Gebiet, wo es weder Fasnacht noch Nikolaus gibt und das kirchliche Jahr weniger Einfluss ausübt, konzentriert sich das mittwinterliche Brauchtum ganz auf die Zeit zwischen Weihnachten und Jahreswechsel.
Das Weihnachtsfest selbst fand am Heiligen Abend statt. Erst mit dem Aufkommen des Massentourismus fanden Weihnachtsbaum und Christkind den Weg ins Haslital. Im überlieferten Brauchtum war der Heilige Abend vorallem eine Nacht der Geister gewesen.
Am letzten Werktag vor Weihnachten war der Milchträgertag, dem ursprünglich ein Übersitz (manchmal auch Ubersitz), eine gesellig durchwachte Nacht, vorangegangen war. In den Dörfern waren überall Leute mit vollen Milchbrennten unterwegs, Bauern, die armen und reichen Dorfgenossen, die nicht dem Bauernstande angehörten, Milch brachten, Arme, die um Milch bettelnd von Hof zu Hof zogen. Das Milchschenken hieß helsen und wurde gerne gemacht, denn es hieß, man habe davon Segen im folgenden Jahr.
Am Heiligen Abend fand das Milchmahl statt. Warme Milch wurde in ein Muttli, eine hölzerne Schüssel gegeben und Brot hineingebrockt. Die ganze Familie aß mit den hölzernen Hackenlöffeln aus dem selben Muttli, auch Hennen und Geißen gab man von der Milch. Der Hausvater saß am Herd und briet Käse am offenen Feuer. Die übrigbleibende Rinde warf er mit dem Ruf Häilibock in die Glut.
Das stille Mahl war von heiligem Ernst erfüllt. Nach dem Essen ließ man die Reste auf dem Tisch stehen, und jeder hängte seinen Hackenlöffel in das Muttli. Nach einem gemeinsamen Gebet ging man zeitig zu Bett.
Die Reste waren für die Geister, die Engel oder das Nachtvolk bestimmt, daß in dieser Nacht kam. Die Toten, hieß es, machten vor Mitternacht einen Umzug. Wer am Morgen seinen Löffel auf der Milch schwimmend fand, wußte, daß er ihnen im kommenden Jahr würde folgen müssen.
Nach dem kirchlich geschützten Weihnachtstag beginnt in den Tälern noch heutigen Tags das Triichlen, wie das Treicheln im Hasli heißt. Die Triichelzüge gingen früher bevorzugt über ausgeaperte Flecken und kamen auch in die Stuben, wo sie mit Tranksame belohnt wurden. Das Tricheln dauert bis zum Vorabend des letzten Werktages des alten Jahres, dann ist (erneut) Übersitz.

Dieser zweite Übersitz hat sich bis heute erhalten und erfreut sich wachsender Beliebtheit. War bisher in kleinen Gruppen getriichelt worden, kommen nun die Triichler aus den verschiedenen Dörfern in den Hauptort Meiringen. Die größten Triichelzüge sind über hundert Mann stark. Die ganze Nacht ziehen sie im langsamen, bedeutsam gehobenen Triichelschritt durch die Gassen, immer in Dreierreihen. Kreuzen sich zwei Züge, gehen die drei Kolonnen durch einander hindurch. Die Züge sind von ungeheurem Ernst, von fasnächtlicher Ausgelassenheit ist keine Spur zu finden, was gerade ausländische Touristen oft schmerzhaft erfahren mussten. Bis in die sechziger Jahre hinein kam es am Übersitz zu urtümlichen Gewaltausbrüchen, die manchmal auch Tote forderten.

Die Bootzeni waren früher in Kartoffelsäcke gehüllt und hatten das Gesicht mit Ruß geschwärzt, die Schniggeller hatten sich als alte Weiber verkleidet. Die Schnabelgeiß, ein über zwei Meter hohes, weißes, gehörntes Wesen mit einem Klapperschnabel erschreckt die Zuschauer. Manche Züge gehen auch unmaskiert, und sehen auf jene herab, die sich hinter Masken verstecken.
Trotz zeitweiliger Verbote blieben die Hasler dem Übersitz stets treu. Das Triicheln wird als von den Ahnen übernommene Pflicht aufgefasst, die es zu erfüllen gilt.


Die Sylvesterkläuse
Eine besonders verfeinerte Form des Triichelns hat sich im Kanton Appenzell erhalten und verdient es, hier erwähnt zu werden. Am dreizehnten Jänner, nach altem gregorianischem Kalender der Jahreswechsel, ziehen hier die Sylvesterkläuse von Hof zu Hof. In kunstvollen Verkleidungen, deren Herstellung oft weit über tausend Stunden Arbeit erfordert hatte, singen sie den Bauern einen Naturjodel, ein Zäuerli. Diese sind von der Schönheit dieses Neujahrwunsches oft zu Tränen gerührt und vergelten es den Kläusen mit Wein, den diese der Masken wegen aus einem Strohhalm trinken. Die Kläuse schwingen die Treicheln nicht wie die Hasler oder Innerschweizer von einem Oberschenkel auf den Anderen, sondern tragen gleich mehrere mit Gurten am Oberkörper. Sie werden mit seltsam anmutigen Bewegungen von Hüfte und Brust zum Klingen gebracht.

Sowohl das Klausenlaufen als auch das Treicheln brauchen ungeheuer viel Kraft und Ausdauer. Es ist denn auch eine Beschäftigung der hart arbeitenden Bauern geblieben. Die Volkskunde nimmt an, daß es mit dem Totenkult auf der einen, mit Fruchtbarkeitszauber auf der anderen Seite verbunden sei. Wo es nicht, wie das Klausenlaufen, über einen christlichen Heiligen gezähmt werden konnte, ist es der Kirche stets ein Dorn im Auge gewesen.


Den Winter Austreiben: Fasnachtstaumel, Freudenfeuer und Brunnentaufen

Die Roitschäggätä
An die mittwinterlichen Maskenbräuche schliesst sich die Fasnacht an. Besonders im Lötschental trägt sie dieselben archaischen Züge wie die Treichelzüge der Innerschweiz. Die Roitschäggeten, mächtige, mit furchterregenden Holzmasken verkleidete Gestalten, überfallen die Dörfer und bespritzen die Jungfrauen mit Wasser. Höhepunkt sind die Schaukämpfe der Tschäggätä. Fast zwei Wochen lang sind sie in kleinen Gruppen unterwegs und toben sich aus. Eine feste Fasnachtsordnung, Zünfte oder gar eigentliche Umzüge kennt das Lötschental nicht. Die Tschäggätä tauchen wie aus dem Nichts auf, stiften Aufruhr und verschwinden wieder in der Dunkelheit der Winternächte.

In der Innerschweiz beginnt die Zeit der Fasnacht schon mit dem Dreikönigstag. Wieder sind es die Nachtbuben, die in dieser Zeit ihr Unwesen treiben. Eine Eigenheit des Landes Schwyz ist das Nüsslen, ein komplizierter, aufreizender Tanz zu einer mit Wirbeln durchsetzten, fremdartig anmutenden Musik. Zur Fasnacht gehört hier wie anderswo das Verteilen von Nahrungsmitteln.

Die schwäbisch-alemannische Fasnet
Größere Bedeutung als im inneralpinen Gebiet hat die Fasnacht in der nördlichen Alemannia. Verglichen mit den Höchstalemannischen Lärmumzugen ist die Fasnet ungleich fröhlicher und ausgelassener. Die Fasnachtstage werden von den Akteuren als die Schönsten des Jahres empfunden. Mehr als in allen anderen alemannischen Festen bricht sich in der Fasnacht die ganze Lebenslust und Freude dieses sonst so ordentlichen und disziplinierten Volkes Bahn.
Besonders die Niederalemannen nördlich und östlich des Rheins kennen eine ungeheuer formenreiche, lebenslustige und wilde Fasnacht. Wie ein warmer Frühlingssturm fegen die Narren und Hexen durch die mittelalterlichen Dörfer und Städte des Schwarzwaldes und des Schwabenlandes, entführen die schönen Mädchen, fordern Lösegelder, werfen Blumen und Orangen oder aber beißende Weizenspräu ins Volk und machen dem Bierernst der dunklen Wintermonate den Garaus. Die schwäbisch-alemannische Fasnacht besticht neben ihrer kernigen, fröhlichen Wildheit vorallem durch die kunstvollen Verkleidungen wie etwa das „Häs“, ein Meisterstück der Näharbeit, und die kunstvoll geschnitzten Holzmasken. Die Narren und Hexen sind in Zünften organisiert, die auch außerhalb der Fasnacht eine wichtige Rolle für das lokale Leben spielen. Einer der Höhepunkte der niederalemannischen Fasnacht ist der Narrensprung in Rottweil. Tausende mit Schellen behangener Narren hüpfen im Takt auf und ab, und der helle Klang der Schellen erfüllt die ganze mittelalterliche Stadt.

Guggenmusik
In der Schweiz dominieren mittlerweile die Guggenmusiken, mit Pauken und Posaunen bewaffnete Schmetterbands, die alte Schlager schief spielen, die Fasnacht. Ihre Hochburg ist die Stadt Luzern. Eine Besonderheit ist die Basler Fasnacht. Hier hat sich das landsknechtische Trommeln und Pfeifenspiel als Fasnachtsmusik durchgesetzt. Die Cliquen, in denen auch Bankdirektoren und Chemiefürsten mittrommeln, üben das Jahr über intensiv und sind für ihre beissend ironischen, hochpolitischen Sujets bekannt.

Überall, wo in der Alemannia Fansacht gefeiert wird, erscheint sie als eigentliches Lokalheiligtum. Besonders wichtig ist die Fasnacht für die seit 1815 zweigeteilte Stadt Rheinfelden. Sie wächst während der Fasnacht jedes Jahr aufs neue zusammen. Die Rheinfelder Fasnacht endet mit dem Entzünden eines großen Feuers, über daß die Hexen mit langen Stecken springen.
In vielen alemannischen Gebieten ist das Fasnachtsfeuer der Höhepunkt des Festes. Es fällt meist auf den ersten Fastensonntag, der daher Funkensonntag heisst.

Der Funkensonntag
Die mächtigsten Feuer brennen alljährlich im Vorarlberg. Hier werden um eine entrindete Tanne bis zu dreißig Meter hohe Türme geschichtet, mit Holzwolle gefüllt und in Brand gesetzt. Die Konstruktion dieser Funka erfordert sehr viel Geschick und Präzision. Oft wird mit dem Funken sprühenden Feuerriesen eine Hexe verbrannt, die den Winter darstellt. Begleitet wird das Abbrennen des Funkens mit dem Schwingen von Fackeln und dem Scheibenschlagen. Dabei werden kleine, runde Holzrädchen im Feuer angesengt und an einem Stock über eine Abschussrampe ins Tal getrieben. Der Funkensonntag ist hier der wichtigste Feiertag des Jahres. Oft ist es noch tiefer Winter, wenn diese Flammentürme durch die verschneiten Täler den Frühling ankündigen.


Mittfastenfeuer und Sechseläuten
In der Innerschweiz wurden die Frühlingsfeuer etwas später, zu Mittfasten, von den Nachtbuben entzündet. Auch das Sechseläuten in der Stadt Zürich, wo unter großen zünftischen Aufmärschen der Böög, auch ein Bootzi, verbrannt wird, gehört hierher.


Chienbäse
In der Nordwestschweiz ist das Fasnachtsfeuer wichtiger als die vorangehenden Maskeraden. In Liestal werden riesige Feuer auf Wagen entzündet und durch die Altstadt gefahren. Begleitet werden sie von in Filz gehüllten Männer, die Chienbäse, Fackeln aus Holzspänen und Holzwolle, um ihre Köpfe schwingen. Hier sind die Fasnachtsfeuer Sache der Stäcklibuben, der frisch ausgehobenen jungen Männer.


Les Brandons
Selbst in der Suisse Romande ist das Fasnachtsfeuer bekannt. Hier heißen die Brände nach dem deutschen Wort Les Brandons und werden von Tanz und Gesang begleitet. Die Brandons waren noch bis in die zwanziger Jahre mit vielen magischen Bräuchen verbunden. Entweder mußte der Ortsgeistliche oder der Jüngstverheiratete das Feuer entfachen. Die Frauen umschritten das Feuer und beteten um „langen Hanf“, schließlich sprang die Jugend über die erlöschende Glut. Mit brennenden Fackeln zog man anschließend über die Felder und umging dabei besonders die Obstbäume. Die überreste des Feuers galten als Schutz vor Seuchen und Blitzschlag. Am Genfer See wurden vom Brandon die Herdfeuer neu enzündet.


Osterfeuer
Im katholisch geprägten Nidwalden übernimmt das Osterfeuer diese Rolle. Es wurde mit einer geweihten „Palme“, einem mit Stechpalm geschmückten Stecken, der am Palmsonntag umgetragen wurde und dem man magische Kräfte zuschrieb, angezündet. Die Knaben trugen die Glut mit einem getrockneten Baumschwumm nach Hause, wo ein neues Herdfeuer entfacht wurde.


Der Wilde Mann
Zum Austreiben des Winters gehört der Einzug des Sommers. In der Alemannia ist es meist der Wilde Mann, ein mit Laub und Moos verkleideter Jüngling, der feierlich ins Dorf geführt wird. In Basel kommt der Wilde Mann schon im Jänner. Unter Kanonendonner fährt er auf einem Floß in die Stadt ein, geht im Kleinbasel an Land und tanzt dort unter dem Jubel der Zuschauer mit dem „Lei“ und dem „Vogel Gryff“, den Ehrenzeichen der Kleinbasler Zünfte.
In den Baselbieter Dörfern kam der Pfingstblütter erst am Pfingstmontag. Die Jünglinge bedeckten im Wald einen der ihren mit grünen Zweigen und führten ihn jauchzend durchs Dorf Schließlich wurde der Pfingsblütter in den Dorfbrunnen oder einen Bach geworfen.


Eierlesen und Maibäume
Zu den Frühlingsbräuchen gehört auch das Eierlaufen nach Ostern. Das Spiel wird in Mannschaften gespielt, die in Läufer und Eierleser aufgeteilt sind. Während die Eierleser flink an die hundert in einer Reihe aufgestellte Eier vom Boden auflesen und sie in einen Zuber am Kopf der Bahn legen müssen, wobei natürlich kein Ei Schaden nehmen darf, liefern sich die Läufer ein Wettrennen. Sieger wird die Mannschaft mit den geschicktesten Eierlesern und den schnellsten Läufern.

Am ersten Mai werden auch in der Alemannia wie andernorts Maibäume errichtet. Diese Maien nehmen aber nicht die Form der bekannten bayerischen Prestigeobjekte an. Ein Maien besteht in der Regel aus einer geschälten, mit Bändern geschmückten Fichte. In der Nordwestschweiz ist es üblich, den Maien mit den Namen der Jungbürger zu versehen.

Verglichen mit den Mittwinterbräuchen oder der Fasnacht finden diese Frühlingsfeste aber in recht bescheidenem Rahmen statt.


Landsgemeinde, Banntage und Prozessionen
Der beginnende Sommer ist auch die Zeit der Prozessionen und Umritte. Am Himmelfahrtstag ist es in der Nordwestschweiz üblich, daß die ganze Gemeinde die Grenzen des Gemeindebanns abläuft und schließlich in der Nähe eines großen Baumes ausgelassen zecht. Bei diesen Banntagen geht es oft recht derb zu und her.

In den alten Landkantonen fand und findet teilweise heute noch im Frühsommer die Landsgemeinde statt. Dabei versammeln sich alle Stimmberechtigten auf einem bestimmten Platz in einem Ring und entscheiden mit Handerhebung über die Geschäfte des Kantons und bestellen die Regierung. Nach alter Tradition war nur die wehrfähige Bevölkerung stimmberechtigt, jene also, die für einen fatale politischen Entscheid dann auch mit der Waffe in der Hand hätten einstehen müssen, auch war das Stimmrecht den Kantonsbürgern vorbehalten. Zum Zeichen der Stimmberechtigung wurde an der Appenzeller Landsgemeinde bis vor kurzem ein Säbel getragen. In der Landsgemeinde fand Jahrhunderte lang die politische Willensbildung statt. Aus diesem Grunde war etwa im alten Land Uri der Landsgemeindesonntag der einzige im Jahr, an dem der Pfarrer keine Predigt halten durfte, um die Politik nicht zu beeinflussen. An die Landsgemeinde schließt sich traditionell der Wirtshausbesuch an, bei dem zuvor aufgerissene Gräben wieder gekittet werden können.

Zu Fronleichnam finden in allen katholischen Gebieten eindrückliche Prozessionen statt. In der Innerschweiz ziehen die mit Blumenkronen geschmückten Mädchen durch die mit üppigem Grün verschönerten Straßen. Das Fronleichnamfest übertrifft dabei den Johannistag an Bedeutung. Dieser wurde in den Alpen lediglich im Wallis mit Höhenfeuern begangen. Der Grund dafür ist wohl darin zu suchen, daß zu dieser Zeit alles mit den Vorbereitungen zum Alpauftrieb beschäftigt war. Die weiter nördlich zu Johannis abgehaltenen Feuerbräuche fallen im alemannischen Gebiet zumeist auf die Fasnachts und Mittfastenzeit.


Die Elsässer Sunngichtfeuer
Eine gewichtige Ausnahme bildet hier das Elsaß. Auf den Höhen der Vogesen werden zu Johanni gealtige Feuerburgen errichtet, die den mächtigen Funken Vorarlbergs in nichts nachstehen. Um einen Maien wird auf einer Basis von vier mal vier Metern ein bis zu dreißig Meter hoher Holzstoß aufgeschichtet. Einmal angezündet, verwandelt sich eine solche Sunngichtburg in einen mächtigen Obelisken aus Feuer. Die Brände werden auch „Fackeln“, „Johannismaien“ oder „Chavandes“ genannt. Ist das Feuer niedergebrannt treiben die Bauern das Vieh durch die warme Asche des „Kandizfiirs“, was vor Krankheiten, Seuchen und Hexerei schützen soll. Zum Schluß des Festes tanzt die Jugend einen Reigen um den Gluthaufen. Auch der Sprung über die Glut gehört zum elsässischen Johannisfest. Johannisfeuer lodern am 23. Juni auch rechts des Rheins im Schwarzwald. Hier gibt es mittlerweile auch wieder Sonnwendfeuer, die bereits am 21. Juni angezündet werden.

Z Alp!
Mit dem astronomischen Sommerbeginn ist in den Berggebieten die Zeit zum Alpauftrieb gekommen. Den ganzen Winter durch hat man sich auf die langen, lichten Tage auf den Sommerweiden gefreut. War der Winter im Tal nicht nur hart, sondern oft auch langweilig und düster, zieht es nun die Sennen hinauf zu den Wildbächen und Bergblumen. Die anstrengende Alpzeit gilt als die schönste des Jahres. Ein Gefühl von Freiheit geht mit dem Leben in den einfachen, aber liebevoll gebauten Alphütten einher. Man fühlt sich dem Himmel ein Stückchen näher.
Noch mitten in der Nacht beginnt das „z Alp fahre“. Alles Vieh ist festlich geschmückt, die Sennen tragen Tracht. Wie in einer Prozession marschiert der Zug in einer genau festgelegten Ordnung, in der Mensch und Vieh nach Rang und Wichtigkeit geordnet gehen. Voran schreitet der Meistersenn mit der reich geschmückten Senntenkuh, die die tief klingende Senntentriichle anhat. Ihm folgt der Knecht mit der Salztasche, der die Tiere mit dem alten, melodisch klingenden Lockruf „Ssä-ssä-ssä-ssä-Lobe-ssä-ssä!“ ruft. Den Kühen folgen zwei weitere Knechte und der Sennenhund, dann kommt der „Muni“, der Stier, von kräftigen Sennen geführt, und schliesslich die Rinder und das Kleinvieh, die von den Kindern zusammengehalten werden. Denn Abschluss des Zuges bildet der Senntenbauer mit seiner Frau und seinen Kindern. Er führt das Sennchessi, den Käskessel, mit sich.


Der Bet-Ruf
Zu den Gerätschaften, die er auf seinem breiten Rücken trägt, gehört auch die „Volle“, ein hölzerner, geschnitzter Milchtrichter. Durch diesen wird er den ganzen Sommer über jeden Abend den Bet-Ruf halten, ein altertümlicher Alpsegen, der ihm Raubtiere und Geister vom Vieh fern halten soll. Dieser Bet-Ruf ist nur in katholischen Gebieten verbreitet und im Verschwinden begriffen. Im Wallis ist es eine Frau, die Alpvögtin, die das Privileg hat, ihn zu sprechen.

Der Alpauftrieb geht in jedem Tal anders vor sich, und die eigentliche Arbeit wird heute mit Lastwagen und Helikoptern ausgeführt. Dem Tourismus und der Traditionsliebe der Sennen ist es zu verdanken, dass die schöne Prozession sich trotzdem vielerorts erhalten hat.


Erntefeste
Im Sommer gibt es in Berg und Tal viel Arbeit. Neben der Alperei müssen sich die Bergbauern auch um das Einbringen des Heus kümmern. Im Flachland reift das Korn heran, und bereits Mitte Juli beginnt im klimatisch begünstigten Unterland die Ernte. Jede Ernte war ursprünglich ein eigenes Fest, besonders die Flachsernte, die Sache der Frauen war, verband sich mit allerlei Brauchtum. Die Bräuche der Ackerbauern sind jedoch mit der Maschninisierung der Landwirtschaft verschwunden. Waren früher Heerscharen von Ernteknechten und Mägden an der strengen Arbeit beteiligt, ist der Bauer und sein Mähdrescher heute fast einsam auf dem Feld. Es ist einfach niemand mehr da, der die alten Erntefeste und Tänze noch feiern könnte.
Das wichtigste Erntefest ist im Emmental die „Sichelhenkete“ im August. Die Bauersfamilie ladet dabei alle, die bei der Ernte geholfen haben, zu einem stattlichen Mahl ein. Die Erntehelfer werden mit Hammen und Schafsvoressen bewirtet und müssen über einen gewaltigen Apetit verfügen, um alles zu vertilgen, was die Bäuerin aufgetragen hat.


Älplerfeste
Auf den Alpen ist die Zeit anfang August die Mitte des Sommers. Nun finden überall Älplerfeste statt. Die im Tal zurückgebliebenen steigen auf die Alpen und man „hält Dorf“. „Dorf“ halten, das heißt beisammen sitzen, Neuigkeiten austauschen, alte Geschichten erzählen, sehen, was die Andern machen. Vor dem Aufkommen der schier grenzenlosen Mobilität war man oft Wochenlang unter sich, und der „Dorf“ war die wichtigste Form des sozialen Kontakts. Zum Älplerfest gehören gebratener Käse und allerlei Milchspezialitäten , meist auch Weißwein und Kaffee mit Schnaps und Nidlen, vorallem aber Musik und Tanz, wofür man eigens aus Brettern Tanzbühnen baut. Die Attraktion der Älplerfeste ist oft das Schwingen, ein archaischer, Kraft fordernder Ringkampf.


Höhenfeuer
Aus den älplerfesten hat sich am ersten August der schweizerische Nationalfeiertag entwickelt, um den sich mittlerweile ein eigenes Brauchtum rankt. Am Vormittag laden Bauernhöfe und Alpen im ganzen Land zu einem ausgiebigen Puurezmorge, am Abend werden patriotische Reden gehalten und schliesslich die Höhenfeuer entzündet. Im ganzen Land brennen „Augstenfeuer“, und in den Alpen reicht eine Lichterkette vom Genfersee bis hinüber ins Rheintal. Die Höhenfeuer am ersten August, erst am Ende des letzten Jahrhunderts aufgekommen, sind mittlwerweile feste Tradtion geworden und ein gutes Beispiel für die Anpassungsfähigkeit alten Brauchtums.

Vorallem in den katholischen Gebieten wie dem Wallis ist die mittsommerliche Zeit um den ersten August auch die Zeit der großen Wallfahrten auf Gipfel und über Pässe.


Chästeilet, Schafscheid und Alpabfahrt
Die Alpzeit endet mit dem Verteilen des Käses und mit dem Scheiden der Schafe, die den Somer über mehr oder weniger unbeaufsichtigt auf den Hochweiden über den Alpen gelebt hatten. „Schafscheid“ und „Chäästeilet“ sind gesellige Anlässe die oft mit einem kleinen Fest enden und dem Tourismus zu liebe auch heute unter völlig veränderten Bedinungen weitergepflegt werden.

Die Alpabfahrt ist oft mit Wehmut verbunden. Das winterliche Leben im schattigen Tal erscheint fast trostlos gegenüber den freien Tagen in der Höhe. Ein mittlerweile verschwundeener Brauch ist die „Posternacht“, die Nacht vor dem Alpabtrieb, in der die älper nicht mehr in ihren Hütten schliefen, sondern sich um ein großes Feuer versammelten. Man war peinlich darauf bedacht, nicht der letzte zu sein, der sich zum Posternachtsfeuer gesellte. In der Nacht ließ man brennende Ronen (runde Holzstücke) ins Tal rollen. Vortan gehörte die Alp noch eine Weile den Gemsjägern, dann aber den Boozenen und Nachkäslern. Diese Geister suchten die Alphütten im Winter auf und verkästen die Milch, die im Sommer durch Unachtsamkeit verschüttet worden war.


Überschwang nach getaner Arbeit: Älplerchilbi, Winzerfest und Metzgete

Nach der überströmenden Arbeit des Sommers und noch bevor der Winter die „geschlossene Zeit“ einleitete, hatte man Gelegenheit, die Früchte des Sommers ausgiebig zu genießen. Die zahlreichen herbstlichen Feste erfreuen sich immer noch größter Beliebtheit.


Die Älplerchilbi
In den Berggebieten findet nun die Älplerchilbi, das bergschweizerische Erntedankfest statt. Eine der prächtigsten findet in Stans statt. Das ganze Dorf geht am Morgen zur Kirche, wo die Früchte der Ernte vor dem Altar aufgeschichtet sind, überthront von einem herrlichen, goldenen Rad Alpkäse. Nach dem Gottesdienst trifft man sich vor der Kirche zu einem Volksaperitif mit Weißwein und Käse. Nachmittags folgt dann der große Älplerumzug. Er hat heute karnevalistischen Charakter. Früher gingen die Sennen ruhig und würdig in Reih und Glied durch das Dorf. Vor dem Zug gingen die „Tschämmeler“, „Wildleute“, die ursprünglich nur mit einem Lendenschurz und belaubten Zweigen bekleidet waren. Sie trugen eine Holzmaske mit heraushängender roter Zunge und sprangen mit einem Bäumlein in der Hand vor dem Zug umher. Der Name „Tschämmeler“ dürfte „Schemen“, Geist, heißen. Die älplerchilbi endet mit Tanz, Wirtshausbesuchen und gutem Essen, vorallem natürlich gebratenem Käse und Zigerkrapfen.
Auch um Unterland findet fast in jedem Dorf eine Chilbi statt. Oft gehören ein Markt und heute auch allerlei Schausteller dazu.


Winzerfeste
In Weinbaugebieten wie dem Elsaß, dem Markgräfler Land oder der Westschweiz finden im Herbst die Winzerfeste statt. Sie haben noch viel von den ursprünglichen Erntefesten, da die Traubenlese im Gegensatz zum Getreideschnitt auch heute noch Handarbeit ist und entsprechend viele Leute mitarbeiten. Bei den Weinfesten im Elsaß versammelt sich das ganze Dorf, es wird getanzt, besonderes Augenmerk gilt aber dem „nejer Siesser“, dem erst angegorenen weißen Traubenmost, der vom Volk ausgiebig gekostet wird.
In der Nordwestschweiz und am Bielersee werden bei diesen Festen spezielle Treberwürste gegessen, auf die man sich schon das ganze Jahr über freut. Besonders im Welschland stechen die Winzerfeste hervor. Beim Neuenburger Winzerfest ziehen als Bachantinnen verkleidete Frauen durch die Stadt und schenken jedem, der möchte, Wein ein. Die welschen Winzerfeste sind von einer ähnlichen Lebenslust geprägt wie im alemannischen Landesteil die Fasnacht. Die Königin der Feste ist die „Fête des vignerons“ in Vevey. Sie ist mittelweile zu einem eigentlichen Kunstfest geworden, bei dem über 2000 Darsteller mitwirken. Auch hier werden gerne Figuren aus der römischen Mythologie, vorallem Bacchus und Ceres, umgeführt.


Pferderennen, Umritte und Oepfelhauet
Ein wichtiger Zug der herbstlichen Feste sind Pferdewettkämpfe. Die Tage der beiden Pferdeheiligen Leonhard und Martin fallen in den Herbst und geben in der ganzen Alemannia Anlaß zu Umritten und Pferdesegnungen.
Im Baselbiet hat sich das Öpfelhauet erhalten. In einem anspruchsvollen Parcour müssen die Reiter einen an einem Galgen befestigten Apfel mit dem Säbel zweiteilen. Auf den Wettkampf folgt das übliche Dorffest mit feinen Würsten und jungem Wein.


Gansabhauet zu Martini
Der letzte Chilbitermin des Jahres ist Martini. In Sursee findet an diesem Tag das altertümlich anmutende „Gansabhauet“ statt. Auf einem Podest auf dem Ratshausplatz wird eine Gans, früher lebendig, heute tot, aufgehängt. Die Kandidaten erhalten ein Glas Rotwein und werden dann mit einem roten Mantel und einer vergoldeten Sonnenmaske verhüllt. Sie müssen nun blind der Gans mit einem einzigen Säbelhieb den Hals durchtrennen. Wer es schafft, kann die Gans behalten und eine Martinsgans daraus zubereiten lassen.


Räbeliechtli
Im Mittelland weit verbreitet ist der Brauch der Räbeliechtli. Kinder schnitzen dabei aus weissen Rüben Laternen, die sie Abends in einem Umzug durchs Dorf tragen. Sie werden dabei oft von einem als Martin verkleideten Reiter begleitet. Mit diesem Umgang, der schon stark an die bald folgenden Klausjagten erinnert, beginnt nun auch im Unterland der Winter, die „geschlossene Zeit“.


Metzgete
Mit Martini beginnt auch die Schlachtsaison. Land auf, Land ab finden nun die Hofmetzgete statt, und auch im Zeitalter der Schlachthöfe gehört immer noch zu einem rechten Winter-Monat, wie der November in der Schweiz heißt, mindestens einmal Metzgete essen zu gehen. Neben „Brägel“ und Koteletts gibt es da Berge von Blut- und Leberwürsten, Sauerkraut, Siedfleisch und Apfelmus, Nierli, Leberli und Rösti. Auch dieser Brauch hat den übergang in die Moderne geschafft - was wohl vorallem an der typisch alemannischen Lust am guten Essen liegt.


Allerseelen
In katholischen Gebieten wird im Herbst Allerseelen gefeiert. Der Totengedenktag ist mit vielen Bräuchen verbunden und tief im Volk verwurzelt. Man besucht die Gräber, zündet Kerzen für die Verstorbenen an und betet für sie. Spezielle Seelenbrote werden gebacken, mancherorts darf man keine Türen zuschlagen und keine Messer offen liegen lassen, um den einkehrenden armen Seelen kein Weh zuzufügen.
In den mittlerweile aussterbenden italienischen Walsergemeinden wurde den armen Seelen, die nach Vorstellung der Walser in Gletscher wohnen müssen, der Ofen freigehalten, dass sie sich aufwärmen konnten. Man ließ ihnen auch über Nacht Speise stehen, an der sie sich stärken sollten. Allerseelen markiet den Beginn des mittwinterlichen Brauchtums, daß sich mit seinen oft düsteren Bezügen zum Ahnen- und Totenkult stark von der kraftstrotzenden Fröhlichkeit der Herbst- und Erntedankfeste unterscheidet.


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