Der Erda- oder Nerthusumzug


Mythologischer Hintergrund
Wie uns Beda Venerabilis überliefert war der urspüngliche Name des dritten Monats Erdmonat oder Hertha-Monat (Altenglisch: Hreðmónað). Was liegt demnach näher diesem Monat einen Erda-Mythos zugrundezulegen, wie es bereits Josef Thaler 1798 getan hat.
Die bekanntesten mythologischen Dichtungen die uns hierfür überliefert wurden, sind Schirners Fahrt (Skírnismál/Skírnisför) aus der Lieder-Edda und der Altenglische Flursegen...


Schirners Fahrt (Skírnismál/Skírnisför)

Das Lied von Skírnir (Altnordisch Skírnismál oder Skírnisför, Skm) wird frühestens in das späte 12. Jahrhundert datiert, besonders die Verwendung der Runennamen sprechen für eine sehr späte Entstehung. Das eigentliche Gedicht besteht aus 42 Strophen, die im eddischen Versmaß Ljóðaháttr verfaßt sind, und welche die ganze Handlung als einen Dialog präsentieren, den größten Teil zwischen Skírnir (Schirner) und Gerðr (Gerda). Eine Kurzform dieses Dialogs hat Snorri in die Gylfaginning aufgenommen (Gylf 36).

Inhalt:
Der Dichter berichtet in diesem Lied von einer außergewöhnlichen Brautwerbung, während der ein Diener Freyrs (Fro), eben Skírnir, für diesen um die Riesentochter Gerðr freit, deren Einwilligung aber letztlich nur durch magischen Zwang erreichen kann. Nachdem Gerðr die Geschenke Freyrs, elf goldene Äpfel und den Ring Draupnir (Tröpfler) abgelehnt hat, greift Skírnir zu seinem letzten Mittel und droht der Riesin mit Þ-Runen (th-Rune, Þuroíaz...Diese Rune steht für Durs oder Dürs also für die winterlichen Reifriesen), die er ritzen will, um sie in Schande und Irrsinn zu stoßen (Skm 36), was genau betrachtet bedeutet, daß er ihr mit dem Winter droht.
Eine aus wenigen Sätzen bestehende, kurze Prosaeinleitung, ähnlich der der Grímnismál, schildert die Ausgangßituation: Freyr erblickte von Óðinns (Wodan) Hochsitz Hliðskjálf, (Mit- Leidsschelf) der es erlaubt, die ganze Erde zu überschauen, die schöne Gerðr (Gerda, Erda), in die er sich verliebte. Aus dieser Liebe erwuchs ihm eine tiefe Depreßion, da er Gerðr nicht besitzen konnte. Freyrs Vater Njörðr (???) beauftragte deßen Diener Skírnir, seinen Sohn zu bewegen, seine Sorgen mitzuteilen. In der Folge erhielt Skírnir dann den Auftrag, nach Jötumheimr (Enzenheim, Riesenheim) aufzubrechen, um für Freyr um die Riesin zu werben, und erhielt dafür deßen Schwert und Pferd sowie einige Geschenke.



Schirner und Gerda


Schirners Fahrt
in der Übertragung von Karl Simrock unter verwendung deutscher Namen

Fro, der Sohn Niörds, hatte sich einst auf den Leidsschelf gesetzt und überschaute die Welten alle. Da sah er nach Enzenheim und sah eine schöne Jungfrau aus ihres Vaters Haus in ihre Frauenkammer gehen. Daraus erwuchs ihm große Gemütskrankheit. Schirner hieß Fron Diener. Niordr bat ihn, Fro zum Reden zu bringen. Da sprach:

Schade:
1. Steh nun auf, Schirner, ob du unsern Sohn
magst zu reden vermögen
Um das zu erkunden, wem der kluge wohl
So bitterböse sei.

Schirner:
2. Übler Antwort verseh ich mich von euerm Sohne,
Wenn ich die Red an ihn richte
Um das zu erkunden, wem der kluge wohl
So bitterböse sei.

3. Sage mir, Fro, volkwaltender Gott,
Was ich zu wißen wünsche:
Was weilst du allein im weiten Saal,
Herr, den heilen Tag?

Fro:
4. Wie soll ich sagen dir jungem Gesellen
Der Seele großen Gram?
Die Elbenbestrahlerin leuchtet alle Tage,
Doch nicht zu meiner Liebeslust.

Schirner:
5. Dein Gram mag so groß nicht sein,
Daß du ihn mir nicht sagen solltest.
Teilten wir doch die Tage der Jugend:
So mögen wir zwei uns Zutraun schenken.

Fro:
6. In Gymers Gärten sah ich gehen
Mir liebe Maid.
Ihre Arme leuchteten und Luft und Meer
Schimmerten von dem Scheine.

7. Mehr lieb ich die Maid als ein Jüngling mag
Im Lenz seines Lebens.
Von Ansen und Elben will es nicht einer,
Daß wir beisammen seien.

Schirner:
8. Gib mir dein rasches Roß, das mich sicher
Durch die flackernde Flamme führt;
Gib mir das Schwert, das von selbst sich schwingt
Gegen der Reifriesen Brut.

Fro:
9. Nimm denn mein rasches Roß, das dich sicher
Durch die flackernde Flamme führt;
Nimm mein Schwert, das von selbst sich schwingt
In des Beherzten Hand.

Schirner (sprach zu dem Rosse):

10. Dunkel ist's draußen: wohl dünkt es mich Zeit
über feuchte Berge zu fahren.
Wir beide vollführen's, fängt uns nicht beide
Jener kraftreiche Riese.

Schirner fuhr gen Enzenheim zu Gymers Wohnung. Da waren wütige Hunde an die Türe des hölzernen Zaunes gebunden, der Gerdas Saal umschloß. Er ritt dahin, wo der Viehhirt am Hügel saß und sprach zu ihm:

11. Sage mir, Hirt, der am Hügel sitzt
Und die Wege bewacht,
Wie mag ich schauen die schöne Maid
Vor Gymers Grauhunden?

Der Hirt:
12. Bist du dem Tode nah oder tot bereits
(Mann auf der Mähre Rücken?)
Zu sprechen ungegönnt bleibt dir immerdar
Mit Gymers göttlicher Tochter.

Schirner:
13. Kühnheit steht beßer als Klagen ihm an,
Der da fertig ist zur Fahrt,
Bis auf einen Tag ist mein Alter bestimmt
Und meines Lebens Länge.

Gerda:
14. Welch Getöse ertönen hör ich
Hier in unsern Hallen?
Die Erde bebt davon und alle Wohnungen
In Gymersgart erzittern.

Die Magd:
15. Ein Mann ist hier außen von der Mähre gestiegen
Und läßt im Grase sie grasen.

Gerda:
16. Bitt ihn einzutreten in unsern Saal
Und den milden Met zu trinken,
Obwohl mir ahnt, daß hier außen sei
Meines Bruders Mörder.

17. Wer ist es der Elben oder Ansensöhne,
oder weisen Wanen?
Durch flackernde Flamme was fuhrst du allein
Unsre Säle zu schauen?

Schirner:
18. Bin nicht von den Elben noch den Ansensöhnen,
noch den weisen Wanen;
Durch flackernde Flamme doch fuhr ich allein
euere Säle zu schauen.

19. Der Äpfel elf hab ich allgolden,
die will ich, Gerda, dir geben,
deine Liebe zu kaufen, daß du Fro bekennst,
daß dir kein liebrer lebe.

Gerda:
20. Der Äpfel elf nehm ich nicht an
um eines Mannes Minne,
noch mag ich und Fro, dieweil wir atmen beide,
je zusammen sein.

Schirner:
21. Den Ring geb ich, der in der Glut lag
mit Wodans jungem Erben.
acht entträufeln ihm ebenschwere
in jeder neunten Nacht.

Gerda:
22. Den Ring verlang ich nicht, der in der Lohe lag
Mit Wodans jungem Erben.
In Gymersgart bedarf ich Goldes nicht:
Mir schont der Vater die Schätze.

Schirner:
23. Siehst du, Mädchen, das Schwert, das scharfe, zaubernde,
das ich halt in der Hand?
Das Haupt hau ich vom Hals dir ab,
so du dich ihm weigern willst.

Gerda:
24. Zu keiner Zeit werd ich Zwang erdulden
um Mannesminne.
Wohl aber wähn ich, gewahrt dich Gymer,
daß ihr Kühnen zum Kampfe kommt.

Schirner:
25. Siehst du, Mädchen, das Schwert, das scharfe, zaubernde,
das ich halt in der Hand?
Seine Schneide erschlägt den alten Riesen,
fällt deinen Vater tot.

26. Mit der Zauberrute zwingen werd ich dich,
Maid, zu meinem Willen.
Dahin wirst du kommen, wo Kinder der Menschen
Dich nicht mehr sollen sehen.

27. Auf des Aaren Felsen in der Frühe sollst du sitzen,
Weg von der Welt gewandt zu Hellia.
Speise sei dir widriger als wem auf Erden
Der menschenleide Mittgartswurm.

28. Ein scheußliches Wunder wirst du draußen,
Daß Rimner dich angafft, dich alles anstarrt.
Weitkunder wirst du als der Wächter der Götter:
Gaffe denn hervor am Gitter.

29. Einsamkeit und Abscheu, Zwang und Ungeduld
mehren dir Trübsinn und Tränen.
Sitze nieder, so sag ich dir
Des Leides schwellenden Strom,
den zweischneidigen Schmerz.

30. Trolle sollen dich ängsten all den Tag
hier im Gehege der Enzen.
Vor der Reifdürsen Hallen sollst du den heilen Tag
Dich krümmen kostberaubt,
Dich krümmen kostverzweifelt.
Leid für Lust wird dir zum Lohn,
Mit Tränen trägst du dein Unglück.

31. Mit dreiköpfigem Dürsen teilst du das Leben
Oder alterst unvermählt.
Sehnsucht scheut dich
Von Morgen zu Morgen;
Wie die Distel dorrst du, die sich gedrängt hat
In des Ofens öffnung.

32. Zum Hügel ging ich, ins tiefe Holz,
Zauberruten zu finden:
Zauberruten fand ich.

33. Gram ist dir Wodan, gram ist dir der Ansenfürst,
Fro verflucht dich.
Flieh, üble Maid, bevor dich vernichtet
Der Götter Zauberzorn.

34. Hört es, Enzen, hört es, Reifdürsen,
Suttungs Söhne, ihr Ansen selber!
Wie ich verbiete, wie ich banne
Mannes Gesellschaft der Maid,
Mannes Gemeinschaft.

35 Rimgrimner heißt der Riese, der dich haben soll
Hinterm Totentor,
Wo verworfene Knechte in knotige Wurzeln
Dir Geißenharn gießen.
Anderer Trank wird dir nicht eingeschenkt,
Maid, nach deinem Willen,
Maid, nach meinem Willen!

36 Ein Dürs schneid ich dir und drei Stäbe:
Ohnmacht, Unmut, Ungeduld.
So schneid ich es ab wie ich es einschnitt,
Wenn es Not tut so zu tun.

Gerda:
37. Heil sei dir vielmehr, Held, und nimm den Eiskelch
Firnen Metes voll.
Ahnte mir doch nie, daß ich einen würde
Vom Stamm der Wanen wählen.

Schirner:
38. Meiner Werbung Erfolg wüßt ich gesichert gern
Eh ich mich hinnen hebe.
Wann meinst du in Minne dem mannlichen Sohn
Des Niörd zu nahen?

Gerd:
39. Barre heißt, den wir beide wißen,
Stiller Wege Wald:
Nach neun Nächten will Niörds Sohne da
Gerda Freude gönnen.

Da ritt Schirner heim. Fro stand draußen, grüßte ihn und fragte nach der Zeitung:

40. Sage mir, Schirner, eh du den Sattel abwirfst
Oder vorrückst den Fuß,
Was du ausgerichtet hast in Riesenheim
Nach meiner Meinung und deiner.

Schirner:
41. Barre heißt, den wir beide wissen,
Stiller Wege Wald:
Nach neun Nächten will Niörds Sohne da
Gerda Freude gönnen.

Fro:
42. Lang ist eine Nacht, länger sind zweie:
Wie mag ich dreie dauern?
Oft daucht ein Monat mich minder lang
Als eine halbe Nacht des Harrens.


Deutung:
Magnus Olsen sah bereits 1909 darin die Darstellung der Wiedererweckung der Erdgöttin, die im Winterschlaf ruht und im Frühjahr von der Sonne wieder zum Leben erweckt wird, um zu Ergrünen, Blühen und Früchte zu tragen. Fro, der Gott der Fruchtbarkeit, möchte sich mit Gerda, der Göttin der Erde, vermählen, schafft es jedoch nicht sie zu erwecken und bittet daher Schiber, die Sonnenstrahlung, hier als Naturkraft dargestellt, um Hilfe. Schirner schafft es Gerda zu erwecken, die sich daraufhin mit Fro vermählen kann und fruchtbar wird. Diese Art der göttlichen Vereinigung wird auch Heilige Hochzeit - Hieros gamos genannt.
Die Namen der Götter und Dürsen in dieser Geschichte haben folgende Bedeutung:
Der Name Fro bedeutet Herr. Der Name seiner Schwester Frowa bedeutet Frau oder Herrin.
Der Name des (Riesen) Schirner bedeutet Sonnenstrahlung.
Und der Name Gerðr bedeutet die umzäunte Erde, gemeint ist das eingezäunte Feld.

Gro Steinsland hat in neuerer Zeit diese Dichtung von der Königsideologie her gedeutet. Fro hat sich auf dem Hochsitz niedergelaßen und hat die Herrschaftsinsignien Ring, Apfel und Stab bei sich, die er dann Schirner mitgeben wird. In der Ynglinga saga Kap. 10 wird gesagt, daß der erste König Fjolne seinen Ursprung in der Verbindung von dem Gott Fro und der Riesin Gerda im Wald Barre hat. Den Ursprung eines Königsgeschlechtes in einem Hieros gamos anzusiedeln ist gängige Königsideologie. So führt sich das Geschlecht der Ladejarle im Háleygjatal des Skalden Eyvind Finnßon auf die Verbindung zwischen dem Gott Wodan und der Riesin Schade zurück, aus der der Stammvater Sæming hervorgeht. Das Motiv der Gewalt deutet Steinsland als das Bild für die Unterwerfung des Herrschaftsgebietes.



Angelsächsischer Flursegen (11. Jhdt.)
Erce, Erce, Erce

folgt..



Literatur: Skirnisför


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