Ginnungagap - Ein Begriff im Wandel
von A. Zautner


Die Wikinger haben das Nordmeer als eine Bucht wahrgenommen, in deren Norden Trolle und Riesen leben

Ginnungagap -
Eine Bezeichnung für den Ort oder Zustand der währte bevor das Weltall entstand.

Snorris Edda zufolge war Ginnungagap eine Schlucht oder ein Abgrund mit mildem Klima, die bzw. der zwei Welten oder Gegenpole trennte: Niflheim, eine neblige Welt im Norden, und Muspell (in einigen Quellen auch Muspellsheim genannt), eine brennende Welt im Süden. Die Entstehung des Lebens wird aus der Existenz beider Welten und dem Zusammentreffen von feuchter Kälte und trockener Wärme beschrieben.
In Niflheim entspringt eine Reihe von Flüssen, die zusammen als die Élivágar (Unwetterwogen) bezeichnet werden. Doch der heiße Wind von Süden schmolz das Eis und beträufelte mit dem Schmelzwasser das dadurch mild klimatisierte Ginnungagap. Mit der Kraft des heißen Windes gelangte Leben in die Tropfen, die dann die Gestalt eines Mannes annahmen. Das war Ymir, von dem die Riesen abstammen.

Snorris Edda berichtet auch, wie die Götter Ymir töteten und ihn mitten ins Ginnungagap zogen. Hier erbauten sie die Welt aus ihm. An anderer Stelle schreibt Snorri, daß die Skalden den Luftraum über uns als Ginnungagap bezeichnen können, so daß man eher den Eindruck bekommt, daß mit Ginnungagap die Atmosphäre oder das Weltall gemeint ist. Einige betonen dann (mit verstecktem Stolz), wie die Ideenwelt der Wikinger doch der der modernen Wissenschaft gleicht. Ginnungagap ist das Universum, und das Leben entstand durch das Aufeinandertreffen der Kälte des Weltalls mit der Wärme der Sonne, ein Zusammentreffen, das die biologische Lebensvoraussetzung - Wasser - hervorbringt. Diese Ideen stammen jedoch nicht von den Wikingern, sondern von den griechischen und römischen Philosophen. So schreibt zum Beispiel der römische Dichter Ovid um die Zeitenwende in seinem Werk „Metamorphosen“: „Wenn sich Feuchtigkeit und Hitze mischen, entsteht Fruchtbarkeit, und so entsteht aus diesen beiden Dingen alles“. Gedanken wie diese waren zu Snorris Zeiten in ganz Europa verbreitet, wo insbesondere die französischen Philosophen versuchten, die alten griechischen Ideen von Wärme, Kälte, Feuchtigkeit, Trockenheit und den vier Elementen mit der christlichen Interpretation der biblischen Schöpfungsgeschichte in Übereinstimmung zu bringen.

Nimmt man Snorris Edda genauer unter die Lupe, deutet manches darauf hin, daß auch er und insbesondere sein Schöpfungsbericht von diesen Gedanken geprägt waren. Snorri zitiert eine Strophe aus dem letzten Teil „der Weissagung der Walawa“ (Völuspá), genauer gesagt den Teil, welcher von der Götterdämmerung (Ragnarökkr) als Ursache des Muspells berichtet. Das Wort Muspell bedeutet höchstwahrscheinlich Weltuntergang. Weder in der Dichtung noch in irgendeinem anderen Zusammenhang ist Muspell eine Ortsbezeichnung. Niflheim (Nebelwelt) scheint von dem Totenreich Niflhel abgeleitet zu sein, das man im Gegensatz zu dem Begriff Niflheim auch von anderen Quellen kennt. Das könnte darauf deuten, daß Snorri die kosmische Geographie um Ginnungagap auf Grundlage seines Quellenmaterials selbst zusammengesetzt hat, gerade um die Gegensätze feuchter Kälte und trockener Wärme zu konstruieren. Es gibt viele andere Hinweise auf Snorris christlich-wissenschaftliches Verständnis der „Schöpfung“ in der Edda. Darauf näher einzugehen würde jedoch den Rahmen dieser Abhandlung sprengen.



Auf der Karte von Guðbrandur Þorláksson bezeichnet Ginnungagap die Nordwestpassage


Im 12. Jahrhundert glaubte man das Grönland mit dem Norden Norwegens über eine Landbrücke verbunden war. Dennach wurde der Nordatlantik bzw. das Nordmeer zu einem Binnenmehr in der sogenannten Nordbucht (Norðbotn), die auch einfach als Meeresbucht (Hafsbotn) bezeichnet wurde. Im Norden dieser Bucht sollte das Land der Riesen und Trolle Jötunheimr liegen, weshalb diese Bucht auch als Trollabotn, also als Trollbucht bezeichnet wurde.
Auf der von Bischof Guðbrandur Þorláksson im Jahre 1606 gezeichneten Karte des Nordatlantiks wird Ginnungagap als Name für die Nordwestpassage, dem Sund zwischen Vinland (Amerika) und Grönland, verwandt. Man glaubte, daß diese Passage das Nordmeer mit dem Weltmeer, dem die Erde umgürtenden Oceanus verband.
Daß Ginnungagap im Mittelalter als eine Art „Weltraum“ verstanden wurde, geht aus einer späten Abschrift von Adam von Bremens Kirchengeschichte (Gesta Hammaburgensis ecclesiae pontificum) hervor. Hier wird der Name Ghinmendegop benutzt, um den Abgrund (immame baratrum abyssi) zu benennen, in den man fällt, wenn man über den Rand der Welt gelangt. Es gibt jedoch nichts, das darauf hindeutet, daß die Wikinger glaubten, die Erde sei flach und von einem Abgrund umgeben, in den man fallen könne.
Snorri hält auch nicht konsequent an der Vorstellung fest, Ginnungagap sei der Weltraum. Etwas später beschreibt er in seiner Edda, wie eine der Wurzeln der Weltesche Yggdrasil bei den Reifriesen, „dort wo ehemals Ginnungagap war“, fußt. Snorri zufolge blieb Ginnungagap weiterhin der Aufenthaltsraum für die Riesen nach der Erschaffung der Welt. Er hat sich die Riesen wohl kaum als kosmische Wesen vorgestellt. Ob er glaubte, daß Ginnungagap mit der Riesen- (Jötunheimr) oder Außenwelt (Útgarðr) identisch ist, geht jedoch nicht eindeutig hervor. Wenn wir verstehen wollen, was die heidnischen Nordländer unter Ginnungagap verstanden haben, müssen wir die gleichen Quellen und Hinweise wie Snorri heranziehen: die alten Mythen. Hier wird Ginnungagap nur einmal umschrieben und dann auch nur indirekt. In Strophe drei der Völuspá (die in einer Edda-Fassung auch von Snorri zitiert wird) heißt es:

Ár var alda þar er Ýmir bygði,
vara sandr né sær né svalar unnir,
jörð fannsk æva né upphiminn,
gap var ginnunga, en gras hvergi.

Einst war das Alter, da Ymir lebte:
Da war nicht Sand, nicht See, nicht salz'ge Wellen,
Nicht Erde fand sich noch Überhimmel,
Gähnender Abgrund und Gras nirgends.
(Übersetzung nach Karl Joseph Simrock)

Der Name Ginnungagap selbst findet in dem Eddalied keine Verwendung, aber das Wortspiel bezüglich des Namens wird deutlich. Man weiß nicht genau was ginnungar bedeutet, aber das Lied liefert einen Hinweis darauf, was es damit auf sich haben könnte, oder genauer gesagt, um was es sich dabei nicht handelt, da die Dichtung nur beschreibt, was es nicht ist. Es ist weder See noch Erde, weder Himmel noch Pflanzenreich oder irgend etwas anderes, was die faßbare und sichtbare Welt ausmacht. Das heißt Ginnungagap ist eine Kluft oder ein Abgrund aus etwas Unfaßbarem und Unsichtbarem.

Wir können dieses unfaßbare Etwas vielleicht besser begreifen, wenn wir den Namen näher untersuchen. Theoretisch besteht die Möglichkeit, daß sich Ginnungagap von dem Wort gin, das gleichsam wie das Wort gap Schlund oder „Gähnen“ bedeutet, ableitet. Wahrscheinlich gehört der Name jedoch zu einer Gruppe von Wörtern, die einerseits Geringschätzung ausdrücken: ginna (verzaubern/verhexen - betrügen - hinters Licht führen - lächerlich machen), ginning (blenden - täuschen, bekannt durch den Titel des ersten Teils der Snorra Edda „Gylfaginning“ - „Gylfes Täuschung“, „Gylfes Erscheinung“ oder „Gylfes Vision“) sowie ginnungr oder ginningr (Betrugsopfer, Dummkopf) und andererseits die allerhöchste Achtung durch die verstärkende Vorsilbe ginn-, die üblicherweise mit „hoch-“ oder „mächtig“ übersetzt wird (z.B. ginnheilag - hochheilig, ginnregin - mächtige Räte/Götter), zum Ausdruck bringen.

Der niederländische Forscher Jan de Fries versuchte im Jahre 1931 einen „gemeinsamen Nenner“ für diese Wörter zu finden. Er kam zu dem Schluß, daß „magische Kraft“ am geeignetsten ist und demzufolge Ginnungagap am besten als „mit magischer Kraft gefüllter Weltraum“ zu deuten ist. Viele andere Wissenschaftler haben sich dieser Deutung angeschlossen.
Es erfordert jedoch eine weite, breit gefächerte Definition von „magischer Kraft“, damit sie auch auf ein Wort wie ginnungr oder ginningr (Betrugsopfer, Dummkopf) zutrifft. So könnte man eine betrogene oder geblendete Person als jemanden auffassen, der auf die eine oder andere Weise überwältigt wurde. Das würde auch zu den anderen Bedeutungen der ginn-Wörter passen. Oder vielleicht (was ggf. sogar passender ist) bezeichnet ginn- etwas unermeßlich Ungeheuerliches, etwas, was über die üblichen Verhältnisse hinausgeht.
Das paßt sowohl auf ginnungr - das Betrugsopfer, das nicht versteht, wie ihm geschieht, als auch auf ginnheilag - hochheilig, im Sinne von heiliger, als man es sich vorstellen kann. Ginnungagap könnte somit „Abgrund des Unvorstellbaren“ oder vielleicht „unermeßliche Tiefe“ bedeuten.

1981 ergänzte der aus New Brunswick stammende theoretische Physiker Alan Guth die Urknalltheorie um die Hypothese des Inflationären Universums. Der Zustand vor dem Urknall wird in diesem Modell als falsches Quantenvacuum bezeichnet. In diesem Nicht-Raum entstehen spontan Quantenfluktuationen. Aus einer oder durch Fusion mehrerer dieser Fluktuationen ist durch besondere energetische Verhältnisse ein Quant durch den Urknall und die anschließende Inflation zum Weltall erwachsen. Auch dieser Nicht-Raum vor dem Urknall, das falsche Qunatenvacuum ist eine mit einem unbeschreibbaren Potential gefüllte Kluft - ein Ginnungagap. Nicht nur räumlich, denn hier existiert noch kein Raum, nicht nur zeitlich, denn da existiert noch keine Zeit, sondern auch geistig, denn dieser Zustand ist für einen Menschen nicht vorstellbar.

Sowohl Name als auch Erklärung könnten auf die Erkenntnis hinweisen, daß etwas existiert, das man weder erfassen noch erklären kann. Ein unsichtbarer, unbegreiflicher, ideell-abstakter Ort.


Das Universum entsteht aus einer Quantenfluktuation - im Ginnungagap



Urknall


Einst war das Alter jung.
und alles war noch leer.
Gar nichts gab´s am Allursprung
weder Geest noch Meer.

Kein Wesen währte
auf weiter Welt.
Nicht Gras noch Gerte
ergrünte im Feld.

Ginnungagap gab es.
gähnendes Nicht,
Ein Urteilchen war es
ähnlich dem Licht.

Der Urknall erklang.
Krach in der Stille,
Dehnung und Drang,
doch ohne Wille,

Am grollenden Grat,
gering wurde groß.
Aus Winzigem ward
des Weltalls Schoß.


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