Ursprungssagen

Inhalt:
Über die Sachsen
Über die Thüringer
Über die Langobarden
Über die Dänen


Über die Sachsen

Ursprung der Sachsen

Nach einer alten Volkssage sind die Sachsen mit Aschanes (Askanius), ihrem ersten König, aus den Harzfelsen mitten im grünen Wald, bei einem süßen Springbrünnlein herausgewachsen. Unter den Handwerkern hat sieh noch heutzutage der Reim erhalten:

Darauf so bin ich gegangen nach Sachsen,
wo die schönen Mägdlein auf den Bäumen wachsen;
hätt ich daran gedacht,
so hätt ich mir eins davon mitgebracht.

Und Aventin leitet schon merkwürdig den Namen der Germanen von germinare, auswachsen, ab, weil die Deutschen auf den Bäumen gewachsen sein sollen.

Quelle: Deutsche Sagen von Jacob und Wilhelm Grimm (Gebrüder Grimm), Kassel 1816/18, Nr. 408

Bemerkung:
Feuerreiben Der Mythos von der Menschwerdung ist in der germanischen Mythologie an drei Stellen beschrieben: In der "Weissagung der Walawa" der Liederedda, in der Snorra Edda (9. Abschnitt) und in der Sage vom Ursprung der Sachsen. Nach den den Überlieferungen der beiden Edden stammen die Menschen von zwei Gehölzen (an. "tré tvau"), die Burs Söhne, die Ansen Wodan, Wilio und Wihio am Strande fanden, und die zuleich das ersten Menschenpaar vesinnbildlichen, nämlich Askr (Esche) und Embla (von germanisch *ambilo, griechisch ámpelos - Ranke, Rebe, Schlingpflanze) ab. In vielen Auslegungen wird Embla als Ulme gedeutet. Ulme heißt aber im Altnordischen almr und nicht Embla. Demhingegen steht im Norrönnen askr buchstäblich für Esche, so daß die Ulmen-Deutung aus meiner Sicht eher unwahrscheinlich ist.
Der Name des Mannes Askr findet sich auch in der Sage vom Ursprung der Sachsen in der Form Aschanes bzw. in der latinisierten Form Askanius wieder. Hier hat man somit eines der nicht wenigen Zeugnisse, die aufzeigen, daß skandinavische und deutsche Mythologie starke Analogien aufweisen. Interessanterweise ist hier nur ein einzelnes Gehölz erwähnt.
Dieser Mythos geht wahrscheinlich auf die Menschwerdung, im übertragenen Sinne, durch das Erlernen des Feuerquirlens zurück. Das trockene Rebenholz (Embla) war die sich entzündende Unterlage beim Feuerbohren. Das harte Eschenholz der Feuerquirl. Der Mensch scheidet sich ja im Prinzip nur durch den Gebrauch des Feuers vom Tierreich. Es handelt sich hier also eher um einen kulturhistorischen als um eines biologischen oder evolutionären Mythos, der nicht im Widerspruch zu den heute bewiesenen Lehren von Evolution und Abiogenese steht.
Ähnliche Mythen finden sich auch bei den antiken Griechen.
Interessanterweise bezeichnete der Geschichtsschreiber Adam von Bremen die Wikinger als Ascomanni (Eschenmannen).
Darüber hinaus nannte sich ein berühmtes sächsisches Herrschergeschkecht "Askanier".

Abkunft der Sachsen

Man lieset, daß die Sachsen weiland Männer des wunderlichen Alexanders waren, der die Welt in zwölf Jahren bis an ihr Ende erfuhr. Da er nun zu Babylonia umgekommen war, so teilten sich viere in sein Reich, die alle Könige sein wollten. Die übrigen fuhren in der Irre umher, bis ihrer ein Teil mit vielen Schiffen nieder zur Elbe kam, da die Thüringer saßen. Da erhub sich Krieg zwischen den Thüringern und Sachsen. Die Sachsen trugen große Messer, damit schlugen sie die Thüringer aus Untreuen bei einer Sammensprache, die sie zum Frieden gegenseitig gelobet hatten. Von den scharfen Messern wurden sie Sachsen geheißen. Ihr wankeler Mut tat den Römern Leids genug; sooft sie Cäsar glaubte überwunden zu haben, standen sie doch wieder gegen ihn auf.

Kommentar: Lobged. auf Anno, 21, Cod. pal. 361, fol. 2d.

Quelle: Deutsche Sagen von Jacob und Wilhelm Grimm (Gebrüder Grimm), Kassel 1816/18, Nr. 408


Über die Thüringer

Der Thüringer und Sachsen Herkunft und Streiten

Alte Sagen gingen, ein Volksstamm sei von fernher, aus dem Ostland, auf zwölf Schiffen in die Gegend gekommen, darin heute Lübeck liegt. Dies Volk habe sich Petreoli, Kieselinge, genannt und die Thyrigeten, die in selber Gegend seßhaft waren, vertrieben. Deren Männer haben sich töricht zum Streite gestellt, und deshalb seien sie Törlinge genannt worden, sie selbst aber nannten das streitbare Volk, das sie von seinen Wohnsitzen wegtrieb, Saxen. Da habe ein Saxenjüngling um goldne Hals- und Armringe, die er trug nach der Sitte der Urzeitvölker, eine Handvoll Erde von einem Törling gekauft, und der habe aus Gutheit ihm den ganzen Schoß mit seiner Erde gefüllt und des klugen Handels sich erfreut - jener aber die Erde zu seinem Volk getragen, und da sei sie fein gerieben und damit ein großes Gebiet umsäet worden. Und so besetzten und besaßen die Saxen das Land der Törlinge und bebauten es und trieben jene Ureinwohner über den Harz hinüber und setzten sich fest an der Unstrut bis zur Saale und bis zur Elbe und bis zur Werra, wo sie das heutige Eichsfeld umfließt, und die Döringer wichen zurück weiter westwärts und besaßen immer noch ein schönes und reiches Land, das durch acht Worte, die mit W stabten, sonderlich genannt und bekannt ward. Diese acht Worte und Wohllaute waren: Wiesen und Weiden, Wässer und Wälder, Wald und Wein, Wolle und Weizen. Insonderheit war die goldne Aue, darinnen heute die Städte und Orte Frankenhausen und Sangerhausen, Heldrungen und Gehofen, auch Allstedt und Wallhausen und Tilleda, die alten Kaiserpfalzen, und mancher andere namhafte Ort liegen, gar ein gesegneter Strich Landes, den einst ein Graf Botho von Stolberg, welcher aus Jerusalem heimkehrte, viel höher pries als ganz Palästina. Darum bauten die alten Duringer im Unstruttale eine Grenzfeste gegen die Ostmark, daß sie geschieden seien gegen Saxen und Sorben, und nannten sie Schidinge, das ist Scheidungen, darauf saßen ihre Führer und herrschten allda gleich Königen. Ein solcher Herrscher war Merovig, aus fränkischem Königsstamme, der Sohn von des Frankenkönigs Chlodio Gemahel, die ihn, am Meere badend, von einem Meerwunder empfangen. Der erbaute im Lande Duringen manchen festen Ort und in der Nähe von Erfurt sich selbst auch einen Herrschersitz, die Merwigsburg, heute noch Möbisburg geheißen, wo man den Ort der alten Burgfeste noch zeigt. Unter Merovig kam der Hunnenkönig Attila in das Land Duringen, die Geißel Gottes, und wütete darin. Man sagt, daß er zu Isenach Hof und Hochzeit gehalten und bei Tonndorf gefischt und geweidwerkt, wo noch eine Stelle der Königstuhl heißt. Merovig hatte einen Sohn, der hieß Childerich, der nutzte nicht viel und wurde auch nicht König, sondern die Thüringer hatten sich einen andern Gebieter erwählt, der hieß Basinus. Zu diesem Basinus kam Childerich und entlockte ihm sein Weib. Basinus hinterließ, da er starb, drei Söhne, die hießen Balderich, Berthar und Irmenfried, die teilten das weite Reich, und Irmenfried ward Thüringen als Erbe zuteil. Er erkor sich zur Gemahlin die Schwester oder Schwestertochter des Ostgotenkönigs Theoderichs, Amalberga, die ebenso schön als stolz war. Sie deckte einstmals ihres Gemahls Tisch nur halb, weil er nur ein halbes Reich habe, und reizte ihn an, seiner Brüder Tod herbeizuführen. Dann gab sie im Bunde mit einem treulosen Rat, der Iring hieß, ihrem Gemahl falsche und verkehrte Anschläge ein, welche zur Folge hatten, daß Theoderich, sein eigner Schwager, ein Frankenheer gen Thüringen und gegen Irmenfried führte. Das hörten die Saxen gern und verbanden sich mit den Franken gegen die Thüringer. Da sind harte Streite geschehen und ward aus der goldnen Aue eine blutige, und die Unstrut stemmte sich von Leibern der Erschlagenen, über welche die Franken gleichwie über eine Brücke gingen, und Irmenfried entfloh mit den Seinen nach Burg Scheidungen, dem festen Wohnsitz, und Theoderich mit Franken und Saxen folgte ihm nach, und den letzteren verhieß Theoderich, wenn Scheidungen gewonnen werde, so solle alles Land jenseit der Unstrut das ihre sein und ewiglich bleiben. Und da griffen die Saxen furchtbar an, und die Franken verwunderten sich über deren starke Leiber und Gemüter, über ihr langes Haar, ihre groben Gewande, großen Schilde, mächtig starken Spieße und langen Messer, die sie an den Seiten trugen und Sax nannten. Und sie hatten auch ein Banner oder Feldzeichen, darin war ein Löwe, ein Aar und ein Drache. Der in Scheidungen bedrängte König Irmenfried sandte heimlich einen Vertrauten in das Lager zu seinem Schwager, der flehte um Gnade für Amalberga und ihre Kinder, und Theoderichs Räte murrten über die Saxen und das ihnen gegebene Versprechen, und so ward heimlich Friede geschlossen in dem Sinne, daß die Gegner sich vereint der in das Land gerufenen Sachsen entledigen wollten. Da geschah es, daß ein Sachse einen Falken fing, der einem Thüringer gehörte; um diesen Falken wiederzuerlangen, offenbarte der Thüringer der Sachsen heimlichen Anschlag; den trug der Sachse schnell in das Lager, und da berieten die Fürsten und Hauptleute, was zu tun sei. Einige rieten zum schleunigen Abzug in aller Stille, aber ein greiser Führer, Herr Hagk (andere sagen Hadegast), ergriff das Banner, widerriet den Abzug, riet zum Angriff, und zwar zu plötzlichem, zur Überrumpelung im Schlafe. Solcher Anschlag ward ausgeführt, mit Not entkam der König mit den Seinen im Schlachtgetümmel, die Unstrut wurde abermals ein Blutstrom, und die Sachsen waren nun Herren des Landes und teilten sich in dasselbe und nannten den Siegestag Communio, das ist Teilnehmung, weil jeder sein Teil nahm. Da hat der alte Sachsenführer Hagk die Sachsenburg erbaut und zuerst bewohnt. Es wird auch noch bis heute die zwiefache Ruine der Sachsenburg (Ober- und Unterburg) die Hakenburg vom Volke genannt und geht die Sage, daß auf ihr Karl der Große der Sachsen urältestes Landesrecht, den Sachsenspiegel, ihnen gegeben habe. Viele andere Burgbaue sind damals entstanden, aber das alte Königreich Thüringen ging unter.

Quelle: Ludwig Bechstein, Deutsches Sagenbuch, Leipzig 1853

Wie die Wartburg erbauet ward

Vorbemerkung: Das Mythologem von der Landname durch Verteilen von eigenem Boden auf fremden Gebiet, wie es in der Sage von "Der Thüringer und Sachsen Herkunft und Streiten" beschrieben wird, findet sich auch in einer anderen thüringischen Sage wieder, in der Sage von der Erbauung der Wartburg.

Über Eisenach, wo der alten Sage nach in grauen Zeiten ein König des Namens Günther soll gesessen haben, dessen Tochter Chrimhilde Etzel, der Hunnenkönig, freite und stattliche Hochzeit allda hielt, hob ragend über alle Nachbarberge ein felsreicher Gipfel sein vom Fuße der Menschen selten betretenes Haupt. Wohl umgürtete auch bereits eine Burgenkette das Thüringerland, denn es standen schon die alten Dispargen der Frankenkönige auf götterheiligen Höhen, Kyffhausen, Disburg, Merwigsburg, Scheidungen und andere, und es schirmten die Trutzfesten Heldburg, Coburg, Sorbenburg, Rudolfsburg, Eckartsburg, Freiburg, Giebichenstein, Sachsenburg, gleich den Geschlechterwiegen Greiffenstein (Blankenburg), Schwarzburg, Käfernburg, Gleichen, Blankenburg am Harz, Anhalt, Mansfeld, Stolberg, Frankenstein, Frankenberg, Henneberg u. a. neben so manchem Dynasten- und Herrensitz. Einen solchen hatten jenseits des Waldes die Herren von Frankenstein über Eisenach, das war der Mittelstein, ihr Stammschloß aber lag überm Walde drüben im Werratale. Da nun Graf Ludwig, Ludwig des Bärtigen Sohn und später zubenamt der Springer, von seiner Schauenburg durch das Tal ritt, in dem er hernachmals das Kloster Reinhardsbrunn gründete (nach einem Töpfer also genannt, dem an einer gewissen Stelle wunderbare Flämmchen erschienen), so kam er das Hörseltal entlang, der Spur eines Wildes folgend, und ward durch den Anblick eines Felskegels überrascht, der, sonnig angestrahlt, sich hoch über die Nebel hob, welche die Täler umschleierten. Der junge Graf hielt sein Roß an, sann und dachte und sprach es laut: Wart Berg, du sollst mir eine Burg werden! und erwartete sein Gefolge. Da vernahm er nun von altern Jagdbegleitern, daß jener Berg nicht sein und seines Vaters Eigen sei, sondern der Frankensteiner, deren Gebiet an das seine grenze. Aber das irrte den Grafen Ludwig nicht, er ersann eine sonderliche List, ließ von seines Vaters nahem Gebiete heimlich und zur Nachtzeit Erde in Körben auf den Gipfel schaffen, sie droben handhoch übern Boden breiten, dann begann er Wälle aufzuwerfen und Grund graben zu lassen. Spät genug wurden die Herren von Frankenstein inne, daß hoch über ihrem Mittelstein jemand baue, ohne sie zu fragen. Ob sie das nun schon nicht leiden wollten, so ging es ihnen wie dem Knaben im Liede, der das Röslein brach, sie mußten es eben leiden, denn wenn sie den Grafen angriffen, so konnte er von seiner Höhe herab mitten in ihren Mittelstein ganze Fuder von Steinen schleudern lassen. Nun war gerade eine Zeit grausamer Hungersund Durstnot, als dieses sich im Jahre 1067 zutrug; es gab so wenig Wem, daß er an manchen Orten sogar zum Abendmahl fehlte, welches sehr schrecklich war. Da nun die Armen allerorten hörten, daß der Thüringer Graf eine Feste baue, so strömten sie in Scharen herzu und schleppten Steine und halfen arbeiten, nur um das tägliche Brot zu gewinnen und nicht Hungers zu sterben, denn es hatte sich schon zu dieser Zeit zugetragen, daß ein Mann aus dem Grabfeld, der auch mit seiner Frau und einem zarten Kinde nach Thüringen herein zum Burgbau zog, sein Kind hatte schlachten und essen wollen, welches auch geschehen wäre, wenn ihm nicht Gott zwei Wölfe gezeigt, die soeben eine Hinde zerrissen hatten. Da scheuchte er die Wölfe von ihrer Beute und führte die Hinde zur Sättigung mit sich fort.

Mittlerweile klagten nun die Herren von Frankenstein bei Kaiser und Reich, daß der Graf auf das Ihre baue, und da auch zu jener Zeit die Prozesse schon die längliche Natur hatten, die ihnen zum großen Nutzen und Frommen der Gerichte und Anwälte bis auf unsere Tage wohlweislich erhalten worden ist, so wurde der Bau unterdessen fertig, und der Graf nannte die neue Burg Wartburg, von dem Wort, so er damals gesprochen, als er den Berg zum ersten erblickt hatte. Wie nun endlich ein Spruch geschehen sollte, da erbot sich der Graf zum Beweise gegen die Frankensteiner, daß er nicht auf das Ihre, sondern auf das Seine baue, erkor sich nach der Sitte zwölf Eideshelfer, das an Ort und Stelle eidlich zu erhärten, trat mit diesen Ehrenmännern hin, zogen ihre Schwerter, steckten sie in den aufgeschütteten Boden und schwuren mit ihm einhelliglich, daß sie auf des Grafen eigner Erde und auf seinem Boden ständen. Gegen die Eidesleistung solcher Schwurhelfer und Geschwornen galt nun keine Einrede, und die Herren von Frankenstein mußten vom Gericht von Rechts wegen das höchste Unrecht leiden. Also ist die Wartburg erbaut und benannt worden. In neuerer Zeit sind auf ihr tief unterm Schutt zwölf große eiserne Schwertklingen, stark gerostet, überkreuzt beisammenliegend, aufgefunden worden, und wird dafür gehalten, daß das die Schwerter der Eideshelfer Graf Ludwigs gewesen, die in den Boden eingesenkt worden, diesen noch mehr zu festen.

Quelle: Ludwig Bechstein, Deutsches Sagenbuch, Leipzig 1853




Über die Langobarden

Die Sage von Gambara und den Langbärten

Als das Los geworfen war und der dritte Teil der Winiler aus der Heimat in die Fremde ziehen mußte, führten den Haufen zwei Brüder an, Ibor und Ayo (Bei Gotfr. viterb.: Hibor et Hangio.) mit Namen, junge und frische Männer. Ihre Mutter aber hieß Gambara (Diese Gambara ist merkwürdigerweise die Cambra des Hunibald.), eine schlaue und kluge Frau, auf deren weisen Rat in Nöten sie ihr Vertrauen setzten. Wie sie sich nun auf ihrem Zug ein anderes Land suchten, das ihnen zur Niederlassung gefiele, langten sie in die Gegend, die Schoringen hieß; da weilten sie einige Jahre. Nah dabei wohnten die Vandalen, ein rauhes und siegstolzes Volk, die hörten ihrer Ankunft und sandten Boten an sie: daß die Winiler entweder den Vandalen Zoll gäben oder sich zum Streit rüsteten. Da ratschlagten Ibor und Ayo mit Gambara, ihrer Mutter, und wurden eins, daß es besser sei, die Freiheit zu verfechten, als sie mit dem Zoll zu beflecken, und ließen das den Vandalen sagen. Es waren die Winiler zwar mutige und kräftige Helden, an Zahl aber gering. Nun traten die Vandalen vor Wodan und flehten um Sieg über die Winiler. Der Gott antwortete: »Denen will ich Sieg verleihen, die ich bei Sonnenaufgang zuerst sehe.« Gambara aber trat vor Frea, Wodans Gemahlin, und flehte um Sieg für die Winiler. Da gab Frea den Rat: Die Winilerfrauen sollten ihre Haare auflösen und um das Gesicht in Bartes Weise zurichten, dann aber frühmorgens mit ihren Männern sich dem Wodan zu Gesicht stellen, vor das Fenster gen Morgen hin, aus dem er zu schauen pflegte. Sie stellten sich also dahin, und als Wodan ausschaute bei Sonnenaufgang, rief er: »Was sind das für Langbärte?« Frea fügte hinzu: »Wem du Namen gabst, dem mußt du auch Sieg geben.« Auf diese Art verlieh Wodan den Winilern den Sieg, und seit der Zeit nannten sich die Winiler Langbärte (Langobarden).

Quelle: Deutsche Sagen der Gebrüder Grimm


Der Ausgang der Langobarden

Die Winiler, hernachmals Langobarden genannt, als sie sich in dem Eiland Skandinavien so vermehrt hatten, daß sie nicht länger zusammen wohnen konnten, teilten sich in drei Haufen ab und losten. Wer nun das Los zog, der Haufen sollte das Vaterland verlassen und sich eine fremde Heimat suchen. Als nun das Los auf einen Teil gefallen war, so zog dieser unter zwei Heerführern, den Brüdern Ibor und Ayo (oder Agio) samt ihrer weisen Mutter Gambara aus. Sie langten zuerst in Skoringen an, schlugen die Vandalen und deren Könige Ambri und Aßy; zogen sodann nach Moringen und dann nach Goland. Nachdem sie da eine Zeitlang verweilt, besetzten sie die Striche Anthaib, Banthaib und Wurgenthaib, wo sie auch noch nicht blieben, sondern durch Rugiland zogen, eine Zeit über im offenen Felde wohnten, mit den Herulern, Gepiden und Goten Händel hatten und zuletzt in Italien festen Sitz nahmen.

Quelle: Deutsche Sagen der Gebrüder Grimm


Sage von Rodulf und Rumetrud

Als die Heruler und Langobarden ihren Krieg durch ein Friedensbündnis aufheben wollten, sandte König Rodulf seinen Bruder zu König Tato, daß er alles abschließen sollte. Nach beendigtem Geschäfte kehrte der Gesandte heim; da geschah es, daß er unterwegs vorbeiziehen mußte, wo Rumetrud wohnte, des langobardischen Königs Tochter. Diese sah die Menge seines Gefolges, fragte, wer das wohl sein möchte, und hörte, daß es der herulische Gesandte, Rodulfs leiblicher Bruder, wäre, der in sein Land heimzöge. Da schickte sie einen zu ihm und ließ ihn laden, ob er kommen wolle, einen Becher Wein zu trinken. Ohne Arg folgte er der Ladung; aber die Jungfrau spottete seiner aus Übermut, weil er kleinlicher Gestalt wär, und sprach höhnende Reden. Er dagegen, übergossen von Scham und Zorn, stieß noch härtere Worte aus, also daß die Königstochter viel mehr beschämt wurde und innerlich von Wut entbrannte. Allein sie verstellte ihre Rache und versuchte mit freundlicher Miene ein angenehmes Gespräch zu führen und lud den Jüngling zu sitzen ein. Den Sitz aber wies sie ihm da an, wo in der Wand eine Luke war, darüber sie, gleichsam zu des Gastes Ehren, einen köstlichen Teppich hängen lassen; eigentlich aber wollte sie damit allen Argwohn entfernen. Nun hatte sie ihren Dienern befohlen, sobald sie zu dem Schenken das Wort sprechen würde: »Mische den Becher!« daß sie durch die Luke des Gastes Schulterblatt durchstoßen sollten, und so geschah es auch. Denn bald gab das grausame Weib jenes Zeichen, und der unselige Gast sank mit Wunden durchbohrt zur Erde.
Da König Rodulf von seines Bruders Mord Kundschaft bekam, klagte er schmerzlich und sehnte sich nach Rache; alsbald brach er den neuen Bund und sagte den Langobarden Krieg an. Wie nun der Schlachttag erschien, war Rodulf seiner Sache so gewiß, daß ihm der Sieg unzweifelhaft deuchte, und während das Heer ausrückte, er ruhig im Lager blieb und Schachtafel spielte. Denn die Heruler waren dazumal im Kampf wohlerfahren und durch viele Kriege berühmt. Um freier zu fechten, oder als verachteten sie alle Wunden, pflegten sie auch nackend zu streiten und nichts als die Scham zu bedecken an ihrem Leibe.
Als nun der König, wie gesagt, fest auf die Tapferkeit der Heruler baute und ruhig Tafel spielte, hieß er einen seiner Leute auf einen nahestehenden Baum steigen, daß er ihm der Heruler Sieg desto schneller verkündige; doch mit der zugefügten Drohung: »Meldest du mir von ihrer Flucht, so ist dein Haupt verloren.« Wie nun der Knecht oben auf dem Baume stand, sah er, daß die Schlacht übel ging; aber er wagte nicht zu sprechen, und erst wie das ganze Heer dem Feinde den Rücken kehrte, brach er in die Worte aus: »Weh dir, Herulerland, der Zorn des Himmels hat dich betroffen!« Das hörte Rodulf und sprach: »Wie, fliehen meine Heruler?« - »Nicht ich«, rief jener, »sondern du, König, hast dies Wort gesprochen.« Da traf den König Schrecken und Verwirrung, daß er und seine umstehenden Leute keinen Rat wußten und bald die langobardischen Haufen einbrachen und alles erschlugen. Da fiel Rodulf ohne männliche Tat. Und über der Heruler Macht, wie sie hierhin und dorthin zerstreut wurde, waltete Gottes Zorn schrecklich. Denn als die Fliehenden blühende Flachsfelder vor sich sahen, meinten sie vor einem schwimmbaren Wasser zu stehen, breiteten die Arme aus, in der Meinung zu schwimmen, und sanken grausam unter der Feinde Schwert. Die Langobarden aber trugen unermeßliche Beute davon und teilten sie im Lager; Rodulfs Fahne und Helm, den er in den Schlachten immer getragen hatte, bekam Tato, der König. Von der Zeit an war alle Kraft der Heruler gebrochen, sie hatten keine Könige mehr; die Langobarden aber wurden durch diesen Sieg reicher und mächtiger als je vorher.

Quelle: Deutsche Sagen der Gebrüder Grimm


Ankunft der Langobarden in Italien

Narses, weil er seiner Mannheit beraubt worden war, wurde von der Kaiserin verhöhnt, indem sie ihm ein goldenes Spinnrad sandte: mit den Weibern solle er spinnen, aber nicht unter den Männern befehlen. Da antwortete Narses: »So will ich ihr ein solches Gewebe spinnen, aus dem sie zeitlebens ihren Hals nicht wieder wird loswickeln können.« Darauf lockte er die Langobarden und leitete sie mit ihrem König Alboin aus Pannonien nach Italien.
Die altdeutsche Weltchronik erzählt dieses nicht von Narses, sondern von Aetius, dem die Königin spottweise entbieten ließ, in ihrer Frauenstube Wolle zu zeisen.

Quelle: Deutsche Sagen der Gebrüder Grimm


Über die Dänen

Der Dänen Ausgang

In Dänemark herrschte König Snio (Schnee), da brach im Land Hunger und Not aus; der König gab ein Gesetz, welches Gastereien und Trinkgelage verbot; aber das wollte nicht helfen, sondern die Teurung nahm immer zu. Der König ließ seinen Rat versammeln und beschloß, den dritten Teil des Volkes töten zu lassen. Ebbe und Aage, zwei mannliche Helden, saßen zuoberst im Rat; ihre Mutter hieß Gambaruk, wohnte in Jütland und war eine weise Frau. Als sie dieser den Entschluß des Königs meldeten, mißfiel ihr es höchlich, daß soviel unschuldig Volk umkommen sollte: »Ich weiß bessern Rat, der uns frommt; laßt Alte und Junge losen; auf welche unter diesen das Los fällt, die müssen aus Dänemark fahren und ihr Heil zur See versuchen.« Dieser Ratschlag wurde allgemein beliebt und das Los geworfen. Es fiel auf die Jungen, und alsbald wurden die Schiffe ausgerüstet. Ebbe und Aage waren nicht träg dazu und ließen ihre Wimpel wehen; Ebbe führte die Jüten und Aage die Gundinger aus.

Quelle: Deutsche Sagen der Gebrüder Grimm


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