Weihnachten

Jul, die Rauhnächte und die Hullefrauennacht



Weihnachtsbaum neben dem Sühler Rathaus


Die Weih- oder Rauhnächte

„Was und wann ist eigentlich Weihnachten? Woher stammt es und wie lange wird es eigentlich gefeiert?“ Fragen, die man die man gar nicht so einfach beantworten kann, da die Traditionen hier sehr vielfältig sind. Man könnte auch gezielter fragen „Was sind die Rauhnächte, die Zwölfe oder die Julezeit?“, denn Weihnachten hat im Volksmund viele Namen. Doch bleiben wir bei Weihnachten. Zunächst fällt einmal auf, daß das Wort Weihnachten ein irgendwie seltsam verschrobenes Mehrzahlwort zu sein scheint, denn es heißt ja nicht einfach nur Weihnacht sondern eben Weihnachten. Heutzutage würde man wohl eher Weihnächte sagen. Diese Weihnächte, in den nördlichen Ländern auch als Julzeit bezeichnet, sind mit den so genannten zwölf Rauhnähten identisch, in denen man der Sage nach nicht arbeiten oder Wäsche waschen soll. Doch dieser Aberglaube war früher geschriebenes Gesetz. Das alte isländische Gesetzbuch Grágás (Graugans) regelt nötigsten Arbeitshandlungen während des Julabends und den folgenden zwölf Rauhnächten wie folgt:

Vom Halten des Julfestes
Die Graugans (Isländisches Gesetzbuch aus dem 13. Jh.) nach der Überstzung von Andreas Heusler

Das Julfest haben wir zu halten hierzulande. Das sind dreizehn Tage. Davon soll man halten den ersten Jultag und den achten und den dreizehnten wie den ersten Ostertag, und den zweiten Jultag und den dritten und den vierten, die soll man in allem halten wie einen Sonntag, ausgenommen daß es dann recht ist, seinem Vieh zu misten am dritten Jultag oder am vierten, an welchem man will. Aber alle Zwischentage der Julzeit ist es recht, dem Vieh zu misten und den Dung auf die Wiese zu führen - den Teil der Wiese, der nah dem Kuhstall ist, sofern man Lafttiere dazu gebraucht, um ihn dort abzuwälzen. Schleppt jemand den Dung hinaus und gebraucht kein Lasttier dazu, dann soll er ihn auf den Haufen führen. Dies dürfen die Leute auch arbeiten an den Zwischentagen der Julzeit: schlachten und das Vieh abtun, das man für die Julzeit braucht, und Bier brauen und den Heuvorrat herschaffen, der nötig ist, wenn es ihnen nützlicher scheint, damit zu füttern als mit dem, der schon daheim ist, und sie bakamen keine Lasttiere dazu vor Jul,. Größeren Heuvorrat darf er nicht herschaffen, als daß er gut reiche über Jul.


Doch wie kommt es zu diesen Zwölf Nächten und warum sind es zwölf? Die Ursache hierfür ist der Unterschied zwischen Sonnen- und Mondjahr. Ein Sonnenumlauf, d.h. ein Sonnenjahr von Wintersonnenwende zu Wintersonnenwende dauert 365¼ Tage. Die Mondphasen haben eine durchschnittlichen Länge von 29,53059 Tagen (mit leichten Schwankungen zwischen etwa 29,27 und 29,83 Tagen). Vor der Einführung des Julianischen und später Gregorianischen Kalenders, die beide reine Sonnekalender sind, dauerten die Monate genau von Neu- zu Neumond. In einem solchen Mond-Kalender werden in der Regel Monate mit 29 Tagen und 30 Tagen im Wechsel verwendet. Damit dauern Zwölf Mond-Monate, d.h. zwölf mal von Neumond zu Neumond 354 Tage (6 x 29 + 6 x 30). Der Unterschied beträgt also 11¼ Tage. Genauer gesagt in vier Jahren beträgt der Unterschied 4 x 11¼ = 45 Tage. Dieser jährliche Unterschied von etwas mehr als 11 Tagen muß also ausgeglichen werden. Da ein Tag aus Tag und Nacht besteht kommen diesen 11¼ Tagen 12 Nächte, also 11½ Tage ziemlich nahe. Doch diese zwölf Nächte sind nicht der Zeitausgleich selbst....

Wenn die zwölf Mond-Monate im Bezug zur Sonne 12 Nächte zu früh enden, kann man den Mond zur Wintersonnenwende nicht einfach wie einen Wecker 11 oder 12 Tage vorstellen. Es ist nur möglich ganze Schaltmonate einzufügen. Und die Entscheidung, einen solchen Schaltmonat einzufügen, fällt in den Zeitraum der Zwölf Nächte. Kann innerhalb dieser Zwölf Nächte kein Neumond beobachtet werden, hat das darauf folgende Jahr ganz normal 12 Monate. Gibt es jedoch innerhalb der Zwölf Nächte einen Neumond, d.h. einen Monatsbeginn, wird im folgenden Jahr ein Schaltmonat eingefügt. Da diese 11 Tage/Zwölf Nächte in etwa 1/3 eines Monats sind, hat man in etwa alle 3 Jahre ein 13-Monats-Jahr. Genauer betrachtet gibt es nach dieser Regelung in Acht Jahren etwa drei 13-Monatsjahre. Dabei ist die Regelung ziemlich pragmatisch. Ein dreizehnter Monat bringt eine beachtliche Veränderung für das entsprechende Jahr. Wenn man jedoch davon ausgeht, daß man in einem solchen Jahr sowieso schon einen durchschnittlichen Verzug von einem 1/3 Monat hat und dann der erste Monat innerhalb der Rauhnächte, d.h. ziemlich nah an der Wintersonnenwende beginnt, dann fügt man quasi wiederum nur etwa einen 1/3 Monat ein.
Dieser Schaltmonat wurde bei den alten Sachsen zwischen Juli und August, d.h. nach dem lunaren Mittsommer (der Vollmond des siebten Lunarmonats - dem Vollmond nach der Sommersonnenwende) eingefügt. Der Monat vor der Sommersonnenwende hieß Ærra Liða (Früh-Lithe), der danach Æftera Liða (Spät-Lithe). Der Schaltmonat der danach eingschoben wurde Þriliða (Drittes Lithe). Im Norden nannte man den August und den mit ihm verbundenen Schaltmonat auch Tvímanuðr d.h. Doppel- oder Zwiemonat. In dem durch Olaus Worm überlieferten Alt-Dänischen Kalender trug der Schaltmonat den Namen Sildemaen

Ein solcher Schaltmonat war für die Bevölkerung ein Segen, denn dieser galt nicht als Buchmonat und man musste keine Steuern oder Abgaben in diesem Moant zahlen.
Da jedenfalls (nur) die Entscheidung für einen solchen eingeschalteten Zwiemonat in die Zwölf Nächte, den zwölf Nächten unmittelbar nach der Wintersonnenwende fällt, galten diese als Los und Orakelnächte. Die Zwölf Nächte bleiben damit immer an sich konstant und sind nicht als variable Schalttage zwischen Sonnen- und Mondjahr zu verstehen.

Das neue lunare Jahr begann mit der Neumondsichel, die es gegebenenfalls bereits in den Zwölf Nächten zu beobachten galt. Das erste Hochfest fand dann zum Vollmond dieses ersten Lunarmonats statt. Dies war das alte Mittwinter- oder heidnische Julfest, das nicht mit der Wintersonnenwende zu verwechseln ist, die bei den Angelsachsen als Mütternacht bezeichnet wurde. In der Hacknacht, der ersten der drei Nächte um den Neujahresvollmond, wurde der Juleber geschlachtet und man trank das Julbier. Dieses alte Julfest hat sich bis heute noch in Form des Hochneujahrs, das nun kalenderfixiert am Dreikönigstag gefeiert wird, erhalten. Auch heute noch kennt man das Stärktrinken zu Hochneujahr, das dem Jultrinken entspricht. Auf den skandinavischen Runenkalendern ist dieser Tag, auch kalenderfixiert, auf den 13. Januar festgelegt. Diese gesammte Zeit, von der Wintersonnenwende bis zum lunaren Mittwinter am Vollmond des ersten Lunarmonats bezeichnete man bis in die frühe Neuzeit in Norwegen als die Julzeit. Im Norden wurde erst durch Hákon I. den Guten das Julfest auf den 24./25. Dezember verlegt wie uns Snorri Sturlusson im Kapitel 15 seine Heimskringla berichtet. Dies war bei der Festlegung des Julianischen Kalenders im Jahre 1 der Termin der Wintersonnenwende. Zu Lebzeiten von Hákon I. hatte sich jedoch durch einen Fehler im Julianischen Kalender die Wintersonnenwende im Kalender auf den 18. Dezember „vorgeschoben“. Das heidnische Julfest der Nordleute war wie gesagt eigentlich ein Vollmondfest, das nur über die Schaltregel an den Wintersonnenwendtermin gebunden war. Eine eigentliche Wintersonnenwendfeier war es urspünglich nicht.


Abbildung von einem Runenkalender, die gut die Schaltregel zur Julzeit veranschaulicht. Das Mittwinter-/Julfest ist neben den 12 Rauhnächten durch ein trinkhorn am 13. Januar markiert.


Die Gönnacht
frei nach Ludwig von Hörmann, Tiroler Volksleben, Stuttgart 1909. S. 241 - 247.

Der Perchtennacht geht eine nicht minder wichtige Nacht voraus, nämlich die Gömmacht oder Gömmat (auch Gönnacht (Oberinntal) und Gennachten (Unterinntal)) , als Zielpunkt für geschäftliche Abmachungen dem Bauer sehr wohl bekannt. Die Ableitung dieses Wortes ist noch nicht ganz sichergestellt. Wahrscheinlich ist es nur die verstümmelte Form von Gebnacht, wie man ja noch im Wipptal diesen Ausdruck gebraucht; auch bei den Sette communi heißt dieser Tag "de gute Ghibe". Dann wäre der Name von den guten Gaben abzuleiten, die man um diese Zeit den herumziehenden armen Leuten spendet. Möglich aber auch, daß die Frau Gönnacht, welche ebenfalls urkundlich schon früh vorkommt, die Wurzel trägt und auf Goden- oder Gödennacht leitet, was allerdings, wie wir sehen werden, zum ganzen Charakter dieses Tages gut stimmen würde.

Gömmachten als Vorabend der Perchtennacht ist zugleich die letzte sogenannte "große Rauhnacht" und wird deshalb mit besonderer Feierlichkeit begangen. Gleichwie am Weihnachtsabend muß Stube und Haustür rein gefegt und gescheuert, Spule und Spindel sauber abgesponnen sein, sonst nistet die Perchtl darinnen. Gegessen wird an diesem Abend viel, sehr viel und wenn man auch nicht überall wie in Steiermark in dieser "Dreimahlnacht" dreimal ißt, so kommen doch drei Speisen auf den Tisch. Hiebei herrscht nun die überkommene Gepflogenheit, daß man von jeder Speise für die Perchtl etwas übrig läßt und auf's Hausdach stellt. Gewöhnlich sind es schmalzige Nocken, die man ihr vorsetzt, oft auch Milch, Speck, Schinken, Fleisch und Eier. Nachts kommt sie dann und ißt davon. In den Gegenden von Lienz wirft man Käse für sie in den Bach, ein Brauch, dessen bereits in Urkunden des dreizehnten und vierzehnten Jahrhunderts Erwähnung geschieht. Auch ins Feuer wird an diesem Abend von jeder Speise ein Löffel voll geworfen. Die obersteierischen Dirnen aber lassen der Perchtl von der sogenannten "Perchtenmilch" etwas übrig.

Diese Perchtl nun, die je nach der Landschaft auch Stampa oder, wie in Kärnten, Perchtrababa heißt, ist ein gespenstiges Wesen, das man sich als grausliches altes Weib mit zotteligem Haar und zerlumpten Kleidern vorstellt. An einigen Orten denkt man sie sich kopflos, an anderen trägt sie ein riesiges Haupt mit Augen wie Butzenscheiben. Eigentümlich sind ihr noch lange Zähne und eine lange eiserne Nase, weshalb sie schon in alten Urkunden den Namen Perchtl mit der "eisenen nasen" führt. Von hinten hängt ihr eine mächtige messingene Kuhschelle herunter. Man sieht, die Person ist nicht gerade Vertrauen erweckend, und ich nähme es keinem übel, wenn er, sobald er ihrer ansichtig wird, sich "hinter geheiligte Türen" flüchtet. In den Zwölften, vorzüglich aber in der Nacht vor dem Perchtentag, dem sie den Namen gab, fährt sie sausend durch die Lüfte, und wehe dem arglosen Wanderer, der ihr begegnet, oder der Spinnstube, der sie ihren nächtlichen Musterungsbesuch abstattet. Ihr Geleite bildet meist eine Schaar kleiner Kinder, die in langem Zuge ihr nachfolgen. Hie und da soll sie auch mit einem Roßkopf und mit einer Wiege gesehen worden sein. Da sie auch gern kleine Kinder raubt, so legt man letztere in der Perchtennacht nicht in die Wiege, sondern darunter, damit ihnen die gespenstige Räuberin nichts anhaben kann.

Gegen den Unfug dieses geisterhaften Weibes gibt es nur ein Mittel, nämlich das "Räuchern", das denn auch an diesem Abend nach dem Essen mit besonderer Sorgfalt ausgeführt wird... Nach dem Räuchern werden Fenster, Haus- und Stalltüren fest verschlossen aus Furcht vor der "wilden Perchtl", die manchmal trotz der Räucherung in das Haus eindringt. So soll sie einmal in Virgen eine eiserne Hand auf dem Herd zurückgelassen haben. Es könnte einem wirklich gruselig werden.

Aus demselben Grunde geht, wer nicht muß, nach dem Räuchern nicht mehr vor's Haus und mancher, der es unkluger Weise tat, hat seinen Übermut bitter büßen müssen. Hier gleich ein Beispiel. Jenseits des Brenners saßen einmal um Gömmacht drei lustige Kumpane noch spät abends im Wirtshause. Da wollte einer hinaus, um zu sehen, ob es wohl heiter Wetter wäre, was man in dieser Nacht wünscht. "Geh nicht," mahnten die anderen, "die Stampa wird dich packen." Der aber antwortete keck: "Was, Stampa hin, Stampa her" und ging hinaus. Kaum stand er vor dem Haustor, so fühlte er sich plötzlich auf einen Wagen gehoben, und nun fuhr es mit ihm pfeilschnell durch die Lüfte. Als es endlich Tag wurde, befand er sich wieder vor dem Wirtshause, wo seine leichtfertigen Kameraden noch saßen und ihn mit angstvoller Miene erwarteten. "Ja", sagte er, "wenn ich gesagt hätte: "Stampa her, Stampa hin, statt Stampa hin, Stampa her, wäre ich nicht mehr gekommen." Manchem anderen auf diese Weise Entführten ist es schlimmer ergangen und man fand Tags darauf den entseelten Körper mit fremdartigen Blumen zwischen den Fingern vor der Haustür. Unter solchen Umständen ist es begreiflich, daß man sich an diesem Abende nicht gern ins Freie wagt, obwohl gerade um diese Zeit Geld und Gut in Hülle und Fülle zu bekommen und mit dem Leibhaftigen an Kreuzwegen ein gutes Geschäftchen zu machen wäre. So begnügt man sich denn, im traulichen Heimgarten durch "Schuhwerfen" die Zukunft zu erforschen oder sich durch Geschichtenerzählen die Zeit zu vertreiben. Beliebt ist auch, besonders im Unterpustertal, das "Hafelenstellen", welches geistreiche Orakel darin besteht, daß man neun Häfen umgestürzt aufstellt, unter jeden etwas legt, z. B. einen Ring, einen Brief, eine Kerze und anderes. Daraus schließt man auf das Angenehme oder Unangenehme, was das neue Jahr bringen wird. Sogar die oben erwähnte "Perchtlmilch", oder besser gesagt, die geleerte Schüssel mit den daran gelehnten Löffeln ist Gegenstand ängstlicher Beobachtung, denn wessen Löffel während der Nacht herabfällt, muß in diesem Jahre sterben...

Die alpenländische Perchten- oder Berchtennacht

Nach alter Überlieferung wird die letzte Rauhnacht, von 2. auf den 3. Januar in den Süddeutschen Landen auch als Berchtennacht, Berchtenabend oder selten auch als Berchtentag (in zahlreichen Wortvariationen auch oft mit P geschrieben) bezeichnet. Die ältesten Quellen für diesen Brauch stammen aus dem 13. Jahrhundert. Einen wahrscheinlichen Beleg kennen wir aus dem 12. und einen erwägenswerten Kommentar aus dem 11. Jahrhundert.
Die Berchtennacht steht in unmittelbarem Zusammenhang mit der Gestalt der Berchta oder Perchta, die in erster Linie eine Lichtgestalt (althochdeutsch beraht - hell, glänzend, vergleiche Englisch bright, Berchta = die Glänzende) ist.
Zugleich ist ihre Gestalt jedoch auch an die gesamte Zeit der Rauhnächte zwischen dem 21./22. Dezember und dem 2./3. Januar geknüpft. Hier sind die Motive der richtenden Gottheit, die Nachlässigkeiten bestraft und Fleiß belohnt, bestimmend. Es spiegelt sich darin also offensichtlich der Volksglaube an eine Art Hüterin der Rauhnächte wider, die in diesem Sinne einen vorbereitenden Charakter auf das Neue Jahr hin erhält.
Die Möglichkeit, daß sich die Gestalt der Berchta insbesondere durch elbgermanischen Einfluß in Süddeutschland gebildet hat, ist insoweit wahrscheinlich, da sich über das gallo-römische Kulturgebiet hinaus der Name Berchta selbst kaum nachweisen läßt und im ebenfalls elbgermanischen Thüringen wie im benachbarten Hessen das Motiv der Frau Holle mit nahezu identischem Inhalt deren Platz einnimmt. Insofern ist Frau Berchta nur eine andere Bezeichnug für Frau Holle, die im Thüringischen und Fränkischen auch als Hullefrau bezeichnet wird. Andere Namen sind Frau Berta, Butzenbercht oder Eisenberta. Dabei wird der Name Berchta noch älter überliefert als die Perchtennacht selbst. .
Auf die einst kultische Verehrung erinnert noch der in einigen Alpengegenden übliche Brauch, ihr in der Berchtennacht Speisen auf das Dach zu stellen.

Ausdruck der Dämonisierung Berchtas:
Im Alpenraum dominieren teufelsartige Perchtengestalten

Das Motiv der Perchtenläufe deutet dagegen in weiten Teilen auf eine Dämonisieruing der einstigen Lichtgestalt, im Zuge spätmittelalterlicher christlicher Umdeutung und Verdammung. Sie sind erst seit dem 16. Jahrhundert überhaupt belegt, und überlagern die alte Bedeutung. So wird Sie hier meist als Anführerin diverser Dämonen und teufelsartigen Krampussen dargestellt, mit denen sie in den zwölf Rauhnächten umherzieht. Ihre Begleiter können Tote oder auch ungetaufte Kinder sein. Nach der Frau Bercht werden diese Begleiter als Perchten bezeichnet.

Die Nacht der Hullefrauen in Thüringen
von Andreas Zautner erschienen in Herdfeuer Heft Nr. 28 4/2010 ISSN:1611-4604


Stampftanz zu Frau Holles Ehren

Am 2. Januar 2010 fuhren Timo, Manuela und ich durch den für diese Jahreszeit ungewöhnlich wenig stark verschneiten Thüringer Wald nach Schnett. Schnett ist ein verhältnismäßig kleines Dorf mit etwas weniger als 700 Einwohnern unweit von Schleusingen in der Nähe des Rennsteiges. Hier findet jedes Jahr eine lokal tradierte Form der Wilden Jagt bzw. des Perchtenlaufens statt, die in der dort heimischen hennebergischen Mundart als Hullefraansnocht, also als „Die Nacht der Hullefrauen“ bezeichnet wird. Sie kennzeichnet das Ende der Rauhnächte und wird archaischer Weise 12 Nächte nach der Wintersonnenwende, in der Nacht vom 2. auf den 3. Januar begangen.
Die Hullefrauen gelten als Gehilfinnen der Frau Holle, die in den Gebieten südlich von Hannover, insbesondere in Franken, Hessen und Thüringen als Anführerin der Wilden Jagt gilt, und die viel mehr ist, als die Betten klopfende Schneemacherin der Gebrüder Grimm. In der Schrift eines Zisterziensermönches über den Aberglauben des Landvolks aus dem 13. Jahrhundert heißt es: „In der Nacht der Geburt Christi decken sie den Tisch für die Königin des Himmels, die das Volk Frau Holla nennt, damit sie ihnen helfe“. Ursprünglich war Frau Holle eine strahlend weiß gekleidete göttliche Frau, die in einem prächtigen Wagen über den Himmel fuhr. Mit der Verbreitung des Christentums hat sie sich zum Teil in eine dämonische Gestalt verwandelt. Viele Thüringer Sagen schildern die Holle als altes, meist hässliches Weib, das die Menschen aber noch immer reich zu belohnen und hart zu strafen vermag. In diesen Sagen ist sie oft mit einem Wagen unterwegs, der alles anderes als ein göttliches Gefährt ist. Im Odenwald jedoch nennt man bis heute das Christkind, das zu Heilig Abend den Kindern die Geschenke bringt, Hullefrau. Diese Hullefrau wird wie das augenfällig weibliche Christkind in Thüringen auch, als junge, strahlende Frau voll verschleiert mit Hilfe eines ausrangierten Brautkleides dargestellt.

Einer Sage nach zieht Frau Holle mit ihrem Gefolge vom Hörselberg bei Eisenach über den Simmersberg bei Schnett, um dort ihre Vasallen, die Hulleweiber, auf den Ort loszulassen. Diese verpassten jedem, der ihren Weg kreuzte, drei segenspendende Schläge auf den Rücken. Die drei Schläge sind eine Geste der rituellen Reinigung und sollen einerseits die Geister des alten Jahres vertreiben und Glück, Gesundheit und Fruchtbarkeit im Neuen Jahr bringen. Während ihres Treibens brummen die Hullefrauen unheimlich in sich hinein und je lauter und schärfer sie brummen, desto böser gelten sie.

Neben den Hullefrauen gibt es noch eine Reihe weiterer Wesen, die in der Hullefraansnocht ihr Unwesen treiben. So wird jede Hullefraa von einem Gertenträger begleitet, der zum einen die abgebrochenen Haselgerten der Hullefrauen stetig ersetzt und zum anderen nach dem Lauf der Hullefraa eine kleine Gabe, in der Regel etwas Kleingeld, eintreibt.

Der Wilde Jäger, der sicherlich den Meisten bekannt sein sollte, ist eine weitere Gestalt, die am 2. Januar in Schnett üblicherweise um die Häuser zieht. Die Sagengestalt des Wilden Jägers, die eine Hypostase des Sturmgottes Wodan ist, spielt in der Schnetter Hullefraansnocht nur eine untergeordnete Rolle, wohingegen er vor allem in den nördlichen Gegenden Deutschlands als Anführer der Wilden Jagd gilt. In Thüringen gibt es einige Sagen in denen der Wilde Jäger vielmehr als Einzelperson die Menschen während der Rauhnächte gemäß ihrem Handeln belohnt oder bestraft.

Als vorletztes durchzieht die Wilde, ganz in Schwarz gehüllt, das Dorf. Sie treibt es um ihrem Namen gerecht zu werden besonders wild und springt umher. Ihre Schläge sind besonders heftig. Wahrscheinlich ist sie eine Form der Hullewetz, der alten, bösen, vorjährigen Seite der Frau Holle.

Eine besonders glücks- und heilbringende Figur ist die Ströherne, welche die Frau Holle selbst darstellt. Ihr Auftritt gilt als der Höhepunkt des wilden Treibens. Die Ströherne ist, ihrem Namen gemäß vollständig in Stroh gehüllt. Sie hat eine große, schnabelartige, überdimensionierte Nase und trägt auf ihrem Haupt eine Krone, welche von zwei über ihren Kopf zusammen gebundenen „Strohhörnern“ umschlossen wird. Strohreste vom Gewand der Ströhernen versprechen besonders viel Glück im kommenden Jahr.

Die erste Hullefraa mit den typischen Gerten

Doch soweit genug über die Wesen der Hullefraansnocht und zurück zu unserer Fahrt nach Schnett. Im Dorf angekommen, haben wir uns gleich auf den Weg zum Gipfel des sagenumwobenen Simmersberges gemacht. Das Besondere am Simmersberg ist, daß er nahezu ständig in tiefsten Nebel gehüllt ist. Bei leichtem Schneetreiben konnten wir kaum zwischen schneebedecktem Boden und Himmel unterscheiden. Ab und an schien wie aus dem Nichts ein Baum oder Strauch aufzutauchen. Auf dem Gipfel des Simmersberges wurde eine kleine, aber sehr gemütliche Jugendherberge gebaut, die nunmehr die älteste Jugendherberge Thüringens ist und die für eine Nacht unsere Unterkunft sein sollte. Timo hatte sich im Vorfeld beim Bürgermeister um eine Lauferlaubnis für uns als Hullefraa und Gertenträger gekümmert. Da uns jedoch gewisse Hemmungen ereilten, die einheimischen Schnetter mit Ruten zu vermöbeln, beschlossen wir zunächst, unseren eigenen Mummenschanz zu veranstalten und dann ausschließlich als einfache Gäste an der eigentlichen Hullefraansnocht teilzunehmen. Nachdem wir also unser Zimmer in der Herberge in Beschlag genommen hatten, kleideten wir uns in unserere Kluft, zogen auf eine nahe gelegene Lichtung auf dem Simmersberg und huldigten Frau Holle mit einem dreifachen Umgangs-Stampftanz, wie er hier von der einheimischen Bevölkerung bis in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts durchgeführt wurde.


Die heutigen Masken haben viele Ähnlichkeiten mit alemannischen Fasnetsmasken.
Früher jedoch waren Gebinde wie bei der Ströhernen (s.u.), nur meist in weiß, typisch für die Hullefrauen.
(rechts:) Was soll man sagen - die Nase ist einfach großartig


Nachdem wir uns wieder umgezogen hatten, machten wir uns auf in die zentrale Dorfkneipe den „Spindler“ direkt gegenüber der Dorfkapelle, die dem Heiligen Oswald, einem Heiligen, der von zwei sprechenden Raben begleitet wird, geweiht ist. Im „Spindler“ stärkten wir uns zunächst an einem Röstbrätl. Danach wurden wir gebeten, die Stammplätze für die einheimischen Stammgäste frei zu machen. Es wurde uns dann ein Tisch im ersten Stock gewiesen, der auffallend nah am Eingang stand. Eine fatale Platzwahl wie sich zeigen wird... Es dauerte vielleicht eine Stunde (in der wir einige interessante Gespräche mit den Lokalreportern von der „Thüringer Allgemeinen“ und dem „Freien Wort“ über Brauchtum und Wilde Jagt führten), ehe dann auch schon die erste Hullefraa erschien. Wie wir später erfahren haben, erscheinen die Hulleweiber mit ihren Gertenträgern ganz dezentral irgendwo im Dorf und ziehen von Haus zu Haus. Und nun hatte es auch den „Spindler“ ereilt. Wild und polternd stürzte die Hullefraa in den Raum, um sich natürlich gleich über uns Fremdlinge an Tisch Nr. 1 herzumachen. Während Frauen eher sanfte Schläge und ggf. einige Liebkosungen ereilten, wurden die männlichen Gäste mit zwiebelnden Schlägen gesegnet. Und so ging es die gesamte Nacht weiter. Eine Hullefraa nach der anderen zog durch den „Spindler“, um uns mit „Eins-Zwei-Drei, Ja-Ja-Jaaah, Ein gesundes neues Jaaahr“ zu wünschen. An einem Tisch schräg hinter uns hatte der Bürgermeister von Schnett Platz genommen. Er und ein Kleinunternehmer, der zwar aus Schnett stammt, aber nun in einem Nachbarort lebt, haben im Laufe des Abends besonders heftige Schläge bezogen. Warum auch immer...
Jede Hullefraa hatte Ihr eigens Rutenspiel: Einige sprangen zwischen den Gästen hin und her und „segneten“ sie scheinbar wahllos, andere gingen reihum. So manche Hullefraa begann mit einem sanften Schlag, um dann mit dem letzten Gertentreffer die Dörfler - und uns aufschreien zu lassen. Einige zogen uns die Kleidung vom Leibe, um die Haselgerten unmittelbar auf der Haut des Rückens einprasseln zu lassen. Um es vorweg zu nehmen, ganz so schlimm war es dann doch nicht. Nach nur zwei Wochen waren die Hämatome auf unseren Rücken wieder verschwunden.
Gegen Ende der Hullefraansnocht hatte die Ströherne ihren Auftritt. Sie verkörpert das Gute und Gedeihliche. Einige Strohhalme ihres Gewandes, dem so genannten Hullestroh, vertreiben z.B. im Geldbeutel die „Ebbe“ und sorgen im Nest der Haushühner für ein volles Gelege. Dem entsprechend ist das Gewand der Ströhernen am Ende der Hullefraansnocht ziemlich zerzaust. Dem Abschluß der Hullefraansnocht sollte eigentlich die Wilde vorausgehen. Wie oben beschrieben, stellt sie das Böse des alten Jahres dar und mahnt zur Besserung im neuen Jahr. Die Figur ist eigentlich fast nackt und nur mit Ruß am ganzen Leibe eingefärbt. Dieses Jahr hat sich jedoch wegen Krankheit und winterlicher Kälte niemand dazu bereiterklärt, diese Gestalt darzustellen - leider.


(links:) Auch hier kommt wieder die segensspendende Gerte zum Einsatz.
(rechts:) Jetzt geht es gleich wieder rund.

Auch diese abgeschiedene Idylle im Thüringer Wald leidet unter einer gewissen Dekadenz. Schnett hat, wie viele Gegenden im ehemaligen Gebiet der DDR, mit einem starken Bevölkerungsschwund zu kämpfen. Abgesehen davon, daß es dieses Jahr keine Wilde gab, ist auch die Zahl der Hulleweiber im Vergleich zum Vorjahr von 26 auf 18 gesunken. Immer weniger junge Leute des Dorfes können sich für ihre lokale Tradition begeistern, wobei es, wie angedeutet, insgesamt immer weniger junge Leute dort gibt.
Nach dem offiziellen Ende der Hullefraansnocht gegen etwa 23 Uhr sind wir noch mit einigen Schnettern ins Gespräch gekommen, mit denen wir uns noch im „Spindler“ bei einigen Gläschen fränkischen Biers über „Holle und die Welt“ unterhielten.
Diesen Brauch gibt es in ähnlicher Form außerhalb von Schnett nur noch in Tirol. Vielleicht war die Abgeschiedenheit ein Grund dafür, daß sich die Hullefraansnocht über die Jahrhunderte hier halten konnte. Selbst Martin Luther wetterte gegen Frau Holle, indem er sie als „Frau mit der Potsnasen, die umhängt ihren Treudelmarkt, den Strohharns“ nannte.


Die Ströherne mit ihrem traditionellen Kopfputz

Für die unter euch, die gegebenenfalls nächstes Jahr selbst zur Hullefraansnocht fahren möchten, um Frau Holle und den Hulleweibern zu huldigen, hier die Anschrift der Gaststätte „Spindler“ sowie der Jugendherberge auf dem Simmersberg. Der Herbergsvater bzw. die Herbergsmutter können auch weitere Auskünfte zur Hullefraansnocht geben.

Gaststätte „Spindler“
Simmersbergstraße 3
98666 Masserberg
Tel. 036874 - 39467
http://spindler-schnett.blogspot.com/

JH Schnett „Auf dem Simmersberg“
Kirchberg 25
98666 Schnett
Leitung: Heidi Schramm
Tel.: 0049 (0) 36874 - 39532
Fax: 0049 (0) 36874 – 39532
E-Mail: jh-schnett(a)djh-thueringen.de


Weiterführenden Literatur:
- Arno Martin: Die Nacht der Hullefrauen - Der Wilde Lauf ins Neue Jahr, Dresden 1999, ISBN:3-934291-00-7
- Andrea Jakob (Herausgeber): Von Martini bis Lichtmess: Brauch und Aberglaube in der Weihnachtszeit in Südthüringen und Franken, Meininger Museen; Auflage: 1 (Dezember 1999) ISBN: 978-3910114036
- Anne und Jochen Wiesigel: Feste und Bräuche in Thüringen. Die Schauplätze der ausgewählten Feste und Bräuche in Thüringen. Von der Hullefraansnacht zu den Antoniusfeuern. 1. Aufl. 1994, ISBN: 3860870807
- Ernst Stahl: Folklore in Thüringen (Tänze, Sitten Und Bräuche, Brauchtum und Trachtenentwicklung - Teil 1 Und Teil 2) Verlag/Ort: Thüringer Folklorezentrum, Erfurt 1979
- Gardenstone: Göttin Holle: Auf der Suche nach einer alten Göttin; Books on Demand Gmbh; Auflage: 1 (Juni 2006), ISBN: 978-3833445798
- Erika Timm und Gustav A. Beckmann: Frau Holle, Frau Percht und verwandte Gestalten - 2003, ISBN: 9783777612300


Die Hulleböhze - Die Wilde Jagd in Thüringen


Der Woaldböhz

Der Woaldböhz...

Der Moorböhz

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Internetseiten über Weihnachtsbrauchtum

Waldweihnachten in Franken



Gedichte über die Rauhnächte
De Hullefransnocht

Rauhnachtsreime



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