Vom Wilden Jäger

Der germanische Gott Wodan ist nach der Christianisierung nicht einfach verschwunden. Er hat unter dem Namen Wilder Jäger weiterhin die Welt insbesondere in den sogenannten Rauhnächten (zwischen 21./22. Dezember und 2./3. Januar) durchstreift und die Leute belohnt oder gestraft.
Was den Namen Wôden angeht, so hat sich derselbe in vielen gegenden erhalten, natürlich nicht ohne gewisse mundartliche Lautveränderungen. Das w der altsächsischen Urform ist hier und da in g übergegangen, aus ô ist au, aus d ein r und aus diesem r wiederum ein l geworden. Außerdem ist meistens das n fortgefallen, dafür aber häufig die Verniedlichungs-Endung ke (-chen) angefügt worden. Wir finden im ganzen folgende Formen: in Rügen und Nordvorpommern: Wôde, Waur, Waul, Gauden, Gauren, auf Usedom-Wollin: Waud; 3 im Kreise Demmin: Waurke, Wôdke, Gaur; Naugard: Wôd; Fürstentum: Wôtk; Neustettin: Wûid und Wôd.

Von gleichem Alter ist die Benennung Hackelberg (Håkelbârch), welche in vielen Dörfern der Kreise Grimmen und Demmin für den wilden Jäger allein bekannt ist. Das Wort ist entstellt aus Hakelberend und kennzeichnet Wôden als den Mantelträger, nach seinem großen, gewaltigen Mantel, dem Himmelszelt. Auch die Bezeichnung als Graf von Ebernburg im Kreise Randow mag alt sein und auf mythologischer Grundlage beruhen. Dagegen zeigen Namen wie: Duewel, Boeser, Beelzebub, Dråk, Alf, Rôdjäckter, welche sonst dem wilden Jäger beigelegt werden, die häufig beobachtete Erscheinung, daß die alten heidnischen Götter, sobald sie dem Volksgedächtnis zu entschwinden beginnen, teuflische Natur annehmen und schließlich zum Teufel selbst werden oder in die Klasse der niedern, elbischen Geister, der Kobolde, Drachen u. s. w., übergehen.
Von Ihm wird berichtet das er machmal in einem Wagen über den Himmel fährt. Durch sein Wirken entstand die Milchstraße. Sie wird nach dem Wilden Jäger auch Wildbahn genannt.

Sagen vom Wilden Jäger - Wodan aus:

Thüringen
Mecklenburg

Thüringen

Der wilde Jäger jagt die Moosleute

Auf der Heide oder im Holz an dunkeln Örtern, auch in unterirdischen Löchern, hausen Männlein und Weiblein und liegen auf grünem Moos, auch sind sie um und um mit grünem Moos bekleidet. Die Sache ist so bekannt, daß Handwerker und Drechsler sie nachbilden und feilbieten. Diesen Moosleuten stellt aber sonderlich der wilde Jäger nach, der in der Gegend zum öftern umzieht, und man hört vielmal die Einwohner zueinander sprechen: »Nun, der wilde Jäger hat sich ja nächtens wieder zujagt, daß es immer knisterte und knasterte!«

Einmal war ein Bauer aus Arntschgereute nah bei Saalfeld aufs Gebirg gegangen, zu holzen; da jagte der wilde Jäger, unsichtbar, aber so, daß er den Schall und das Hundegebell hörte. Flugs gab dem Bauer sein Vorwitz ein, er wolle mithelfen jagen, hub an zu schreien, wie Jäger tun, verrichtete daneben sein Tagewerk und ging dann heim. Frühmorgens den andern Tag, als er in seinen Pferdestall gehen wollte, da war vor der Tür ein Viertel eines grünen Moosweibchens aufgehängt, gleichsam als ein Teil oder Lohn der Jagd. Erschrocken lief der Bauer nach Wirbach zum Edelmann von Watzdorf und erzählte die Sache, der riet ihm, um seiner Wohlfahrt willen, ja das Fleisch nicht anzurühren, sonst würde ihn der Jäger hernach drum anfechten, sondern sollte es ja hangen lassen. Dies tat er denn auch, und das Wildbret kam ebenso unvermerkt wieder fort, wie es hingekommen war; auch blieb der Bauer ohne Anfechtung.

Kommentar: Prätor.: Weltbeschreibung, I, 691, 694, aus mündlichen Sagen im Saalfeldischen.
Quelle: Deutsche Sagen, Jacob Grimm, Wilhelm Grimm (Brüder Grimm), Kassel 1816/18, Nr. 48


Der Wilde Jäger

Mecklenburg

Der Wilde Jäger

Oft bellen die Hunde der Luft in finsterer Nacht auf den Heiden, in Gehölzen, an Kreuzwegen. Der Landmann kennt ihren Führer, den Wod, und bedauert den Wanderer, der nun noch nicht die Heimat erreicht hat; denn oft ist Wod boshaft, seltener mildthätig. Nur wer mitten im Wege bleibt, dem thut der rauhe Jäger nichts; darum ruft er auch den Reisenden zu: "Midden in den Weg!"

Ein Bauer kam einstmals trunken in der Nacht von der Stadt. Sein Weg führte ihn durch einen Wald. Da hörte er die wilde Jagd und das Getümmel der Hunde und den Zuruf des Jägers in hoher Luft. "Midden in den Weg! midden in den Weg!" rief eine Stimme; allein er achtete ihrer nicht.

Plötzlich stürzte aus den Wolken nahe vor ihn hin ein langer Mann auf einem Schimmel. "Hast Kräfte", sprach er; "wir wollen uns beide versuchen. Hier die Kette! faße sie an! wer kann am stärksten ziehen?" - Der Bauer faßte beherzt die schwere Kette, und hoch auf schwang sich der wilde Jäger. Indes hatte jener sie um eine nahe Eiche geschlungen, und vergeblich zerrte der Jäger. "Hast gewis das Ende um die Eiche geschlungen?" fragte der herabsteigende Wod. "Nein", versetzte der Bauer, "sieh, so halt' ich es in meinen Händen." "Nun, so bist du mein in den Wolken", rief der Jäger und schwang sich empor. Der Bauer schürzte schnell die Kette wieder um die Eiche, und es gelang dem Wod nicht. "Hast doch die Kette um die Eiche geschlagen!" sprach der niederstürzende Wod. "Nein", erwiderte der Bauer, der sie eiligst losgewickelt hatte; "sieh, so halt' ich sie in meinen Händen." "Und wärst du schwerer als Blei", rief der wilde Jäger, "so mußt du hinauf zu mir in die Wolken." Blitzschnell ritt er aufwärts; aber der Bauer half sich auf die alte Weise. Die Hunde bellten, die Wagen rollten, die Rosse wieherten dort oben, die Eiche krachte an den Wurzeln und schien sich seitwärts zu drehen. Dem Bauern ward bange; aber die Eiche stand. "Hast brav gezogen", sprach der Jäger; "mein wurden schon viele Männer; aber du bist der erste, der mir widerstand. Ich werde dich belohnen." Laut gieng die Jagd an: "Hallo, holla! wohl! wohl!" Der Bauer schlich seines Wegs weiter. Da stürzte aus ungesehenen Höhen ein Hirsch ächzend vor ihn hin, und Wod war da, sprang vom weißen Rosse und zerlegte eiligst das Wild. "Blut sollst du haben", sprach er zum Bauern, 'und ein Hintertheil dazu. "Herr", sagte der Bauer, "siehe, dein Knecht hat nicht Eimer noch Topf." "Zieh den Stiefel aus!" rief Wod; er that's. "Nun wandere mit Blut und Fleisch zu Weib und Kind."

Die Angst erleichterte anfangs die Last; aber allmählich ward sie schwerer und schwerer; kaum vermochte er sie zu tragen. Mit krummem Rücken, von Schweiße triefend, erreichte er endlich seine Hütte, und siehe da, der Stiefel war voll Gold, und das Hinterstück ein lederner Beutel voll Silbergeld.

Quelle: Meklenburgische Jahrbücher 1840; Märchen und Sagen aus Hannover, Carl und Theodor Colshorn, Hannover 1854, Nr. 70, S. 192 - 193



Odin reitend auf Sleipnir
Abbildung aus einer isländischen Handschrift


Der Wuid und die Milchstraße

Der Wuid fährt mit seinem Wagen hoch oben in der Luft. Einmal ist er dabei so unvorsichtig gewesen, daß der feurige Wagen das Himmelsgewölbe berührte und einen großen Streifen davon ansengte. Weil derselbe infolge dessen eine weißgraue Farbe bekommen hat, nennen ihn heutiges Tages die Leute die Milchstraße.

Quelle: Volkssagen aus Pommern und Rügen, Ulrich Jahn, Berlin 1889, Nr. 34


Reiterstein von Hornhausen (bei Magdeburg) Abbildung eines Reiters mit Speer (Wodan?) das Schlangengeflecht unter dem Reiter versinnbildlicht wahrscheinlich das Totenreich

Hackelberg und die Milchstraße

Den Hackelberg hat man häufig hoch durch die Lüfte reiten sehen. So kam er auch einmal angeritten und wurde von den Leuten in Sievertshagen erblickt, wie er über das Dorf zog und am äußersten Ende desselben sich auf ein Haus herabließ und darin verschwand. In diesem Hause ist seit der Zeit immer Unglück gewesen, und während die Kühe dort sonst sehr gute und reichliche Milch gegeben hatten, hat man von dem Tage an immer nur Blut aus ihren Eutern heraus melken können.

Aber nicht nur auf der Erde hat der Hackelberg Unheil angerichtet! Einst ist er so hoch geritten, daß er den Himmel berührte, und hat dort einen ganzen Streifen so zugerichtet, daß er noch heutiges Tages wohl zu erkennen ist. Er sieht ganz weißgrau aus und wird daher die Melkstråt (Gewöhnlich wird die Milchstraße in Pommern Wîldbån genannt.) genannt.

Quelle: Volkssagen aus Pommern und Rügen, Ulrich Jahn, Berlin 1889, Nr. 8



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